Paris, Ende August

Wenn man die Kapriolen in der Manege des Pariser Modezirkus aus der Distanz betrachtet, so drängt sich dem unbefangenen Beobachter die Ansicht auf, daß die Haute Couture an einem Wendepunkt angelangt ist. Man kann sich nicht des Gefühls erwehren, daß an der Hohen Schneiderei etwas morsch ist, daß immer mehr etwas abbröckelt, das nicht zu ersetzen ist: Die Tatsache, daß die Pariser Couturiers unter sich selbst nicht einig sind, beeinträchtigt – abgesehen vom Prestige – den Elan, der früher nicht nur von ihrem Können, sondern auch von ihrer solidarischen Stellung der Öffentlichkeit gegenüber ausging.

Bis vor kurzem waren sie nicht allein Individualisten, von denen jeder seinen Ehrgeiz darin setzte, seine eigene Note auszudrücken; sie waren gleichzeitig freiwillig Glieder eines Kollektivs, und als solche – ungeachtet ihrer persönlichen Leistung und der unvermeidlichen up’s und down’s, denen produktives Schaffen unterliegt – Teile eines festgefügten, harmonischen Ganzen. Die mit Fragebogen ausgewählten und bei der Chambre Syndicale de la Haute Couture, Paris, akkreditierten Pressevertreter mußten sich – mit Revers! – verpflichten, sich an die Sperrfrist von einem Monat zu halten, um bei den Premieren der Modehäuser zugelassen zu werden. Bildreportagen, die nicht nur die Frau, sondern auch die Textilindustrie und die Schneiderin detailliert informieren, dürften erst nach Ablauf dieser Frist erscheinen.

Dieses Handicap für die Berichter war ein – wenn auch unvollkommener – Schutz für die Modegestalter. Das "Modell", das der Couturier verkaufen muß, um existieren zu können, ist einerseits ein künstlerischer Entwurf und andererseits eine kommerzielle Ware, für die es keinen Patentschutz gibt. Dieses heikle Gebilde, dessen Wert in Schnitterfindung, Nahtführung und Stofforiginalität besteht, verlangt eine vorsichtig dosierte Publicity, wenn es nicht schon am Tage der Geburt seinen Marktwert einbüßen soll.

Denn wie Jean Cocteau sagt: "Die Mode stirbt jung, und dies verklärt sie mit einer Art phosphoreszierender Schönheit, die etwas Rührendes hat... Schon bei ihrer Geburt trägt sie den Keim des Todes in sich, ja, sie ist schon fast gestorben, bevor sie zu leben beginnt... Man könnte sie als eine blitzartig um sich greifende Epidemie bezeichnen, die verschiedenartige und antagonistische Wesen zwingt, plötzlich einem geheimnisvollen Befehl zu folgen, von dem keiner recht weiß, woher er kommt: ihm gehorchend unterwerfen sie sich einer neuen Ordnung, die dem Altgewohnten entgegenläuft – bis zu dem Augenblick, wo eine Umschaltung das Spiel aufs neue verändert und sie veranlaßt, wieder von vorn anzufangen ..." Es ist diese von Cocteau malerisch geschilderte Kurzlebigkeit des modischen Entwurfs, die ihn so schutzbedürftig macht und seine Sonderstellung in der Publicity verlangt – eine Situation, die nach und nach zum Stein des Anstoßes geworden ist.

Verwirrung und Presseleid fingen damit an, daß sich die Couturiers Balenciaga und Givenchy von dem traditionellen Brauch, die Presse vor den Verkaufs Vorführungen zu einer Vorschau einzuladen, – im vorigen Winter abwichen und den Journalisten erst nach Ablauf der üblichen Sperrfrist von vier Wochen einen Einblick in ihre Kollektion gestatteten. Aber "neue Moden" sind nun einmal news, und beide Couturiers mußten in dieser Saison erfahren, daß sich "neueste Nachrichten" nicht vier Wochen auf Eis legen lassen.

Unmittelbar nach der ersten Vorführung für die Einkäufer aus Übersee erschienen in amerikanischen Tageszeitungen mit vollem Namen gezeichnete Artikel bekannter Modereporter, die ihre Information aus den Unterhaltungen mit gutorientierten Einkäufern geschöpft hatten. Aus diesen Von-Mund-zu-Mund-Berichten ließ sich entnehmen, daß Balenciaga neue Variationen seines Tunika- und Kasakmotivs geschaffen hat – elfzwölftel lange, locker gehaltene und gegürtelte Tuniken über engen, seitlich geschlitzten Unterröckchen. Auch an den Röcken der halbanliegenden Jackenkleider – noch immer seine Stärke – ist durch einen tiefeingelegten Abnäher, etwa 15 Zentimeter vom Saum, die Tunikanote hervorgehoben. Die siebenachtel langen Capes aus Karowollstoffen, Tweeds und schweren Satins in Tonnenform und oft mit Passe und Kragen, aber ohne Ärmelschlitze, sind in seiner neuen Kollektionen Favoriten geworden. Alles dies ist früher bekanntgeworden, als dem Modeschöpfer recht war.