Vom Weltall hat auch die moderne Astrophysik nicht mehr als eine Ahnung. Wie lang der Weg aus dem völligen Dunkel bis zu der heutigen Stufe der Erkenntnisse war, schildert der demnächst im Rowohlt Verlag, Hamburg, erscheinende Entwicklungsroman der Astronomie "Und es ward Licht" von Rudolf Thiel, aus dem wir heute einen Abschnitt über die Versuche der alten Kulturen, eine präzise Zeitrechnung zu schaffen, und über die Anfänge der Astrologie veröffentlichen. Mit dem schwankenden Zeitgefühl hat die Zeitrechnung, der Kalender, nichts zu schaffen. Den Kalender diktieren mit absoluter Autorität die Sonne und der Mond. Den Lauf der beiden Gestirne genau genug herauszukriegen, um danach Jahr und Monat festzulegen, war vielleicht die längste Anstrengung, die der Menschengeist gemacht hat. Er unterzog sich ihr aus zwingendem Grund: Das öffentliche Leben, Feste, Daten, alles, was dem Jahreszyklus unterliegt, hing davon ab. Die Zeitrechnung hat aber nicht begonnen mit dem Jahr. Vielälter ist der Monat.

Der Mondumlauf mit seinem Phasenwechsel ist die auffälligste Bewegung am Himmel. Seine Dauer war unvergleichlich leichter festzustellen als ein Sonnenumlauf. Recht genau ließ sich der Moment fixieren, wo zum erstenmal der Neumond wiederauftaucht aus dem Sonnenschein. Der Monat mit rund 30 Tagen gab ein Maß für die Jahreszeiten, für das Jahr. Rund zwölf Monate brauchte die Sonne, bis sie wieder in demselben Sternbild stand, das Jahr bekam demnach 360 Tage. Die Zahl ist also nicht beobachtet, sondern errechnet worden. Die Beobachtung war ja auch ein Kunststück erstm Ranges, denn im Sonnenglanz verbleicht der Hintergrund des sternbesäten Himmels.

Aber in Ägypten gab es einen bequemeren Jahresweiser: die Überschwemmungen des Nils. Sie setzten äußerst regelmäßig ein, in offenkundigem Zusammenhang mit der Sonne. Um dieselbe Zeit trat nämlich aus dem Sonnenschein der Sirius, welcher Orions Hund genannt wird unter den Menschen, aufgehend immer im Herbst, mit überstrahlender Klarheit schimmernd vor anderen Sternen zur Dämmerstunde des Melkens.

Der Siriusaufgang in den Hundstagen wurde das ägyptische Neujahr. Dabei stellte sich heraus, daß die wahre Jahreslänge nicht 360, sondern 365 Tage betrug. Es war eine von den schmerzlichsten Erkenntnissen der Menschheit. Sie warf die schöne Rechnung mit den heiligen Zahlen 12 und 30 über den Haufen. Der Himmel erwies sich als irrational, er- fügte sich nicht mehr dem angeborenen mathematischen Trieb, der sich so wundervoll im Kalender bestätigt hatte. Die Ägypter haben die Enttäuschung nie verwunden. Sie behielten das 360 Tage Jahr neben dem vom Nil und Sirius diktierten bei. Infolgedessen gab es zwei Kalender, eine komplizierte doppelte Buchführung der Zeit. Nicht umsonst hieß der Oberpriester in Heliopolis "Beobachter der Geheimnisse des Himmels". Er hatte viel zu tun, den Wirrwarr einigermaßen in Ordnung zu halten. Das Volk mußte sich damit abfinden, daß die Feste der beiden Zeitrechnungen durcheinanderglitten und von Jahr zu Jahr sich neu verschoben. Hinzu kam noch das Peinlichere: Auch der Sirius rutschte langsam in die Nilüberschwemmungen hinein, des wandernden Erdpols wegen. Allmählich wurde man sich klar, daß man mit einem Jahr von 365V4 Tagen am genauesten hinkam. Es gab Radikalreformer, die zu diesem Jahr ausschließlich übergehen wollten, aber die ägyptische Ehrfurcht vor der Überlieferung erzwang das Verharren bei dem doppelten Kalender. Die Priester ließen jeden Pharao bei der Krönung schwören, daß er am Siriusjahr nichts ändern und das mathematische Jahr nicht durch eingeschaltete Tage mit der Wirklichkeit in Einklang bringen werde. Die Methode der Schalttage, die von den Ägyptern verschmäht wurde, hat sich sonst überall durchgesetzt. Es war eine Patentlösung. Sie stammte von den, Babyloniern. Diese geschickten Organisatoren versöhnten ihr hochentwickeltes Syrnmetriebedürf, nis mit dem irrationalen Machtspruch des Himmels aufi>equemste Art: warteten ein paar Jahre, bis der Unterschied zwischen mathematischem und wirklichem Jahr auf 30 Tage angewachsen war, und schoben dann einen dreizehnten Monat ein. Ein Unglücksmonat, wo man wichtige Geschäfte verschob — die 13 blieb bis heute eine Unglückszahl. Nun beträgt aber die wahre Jahreslänge 365Tage, 6 Stunden, 9 Minuten, 9 539 Sekunden, und die wahre Mbnatslänge 29 Tage, 12 Stunden, 44 Minuten, 2 8 Sekunden. Und diese winzigen Zeitbruchteile addieren sich im Laufe der Jahrhunderte doch ganz erheblich, weshalb die Babylonier nie zu einem idealen Schaltmodus gelangten. Ihre Endlösung, 383 v. Chr, lautete: sieben Schaltmonate in 19 Jahren. Das bedeutet, daß ihre Astronomen die wahre Jahreslänge schon auf die Minute genau kannten. Natürlich hatten sie sie nicht direkt gemessen. Nur durch unzählige, über Jahrzehnte und Jahrhunderte durchgeführte, regelmäßige Beobachtungen konnten sie auf diese Durchschnittszahl gestoßen sein — eine wissenschaftliche Errungenschaft von hohem Rang, Das Kalenderproblem erweist sich demnach als das Hauptproblem der Frühkulturen überhaupt, das mehr Köpfe in Bewegung setzte als jedes andere. Die erzielte Jahreslänge ist ein Prüfstein, wieweit es die verschiedenen Völker in exakter Wissenschaft gebracht haben. Am schlechtesten schneiden da die Inder ab. Sie haben vor ihrer Bekanntschaft mit dem Astronomenfürsten Ptolemäos nicht einmal die Zahl der Tage richtig festgestellt: 366 Tage hatte ihr Kalender. Bei ihnen überwog der Hang zur Zahlenmystik, Zahlenspielerei. Für astrologische Zwecke rechneten sie unbedenklich mit ganz willkürliehen Jahreslängen zu 324 Tagen und 378 Tagen. In China war man schon um 2000 v. Chr bei 365 angelangt, brachte es aber bis zu Christi Geburt nur auf 365V4. Die Griechen kamen ungefähr den Babyloniern gleich, übernahmen dann den babylonischen Schaltmodus. Der ergab im Laufe von drei Jahrhunderten doch so große Fehler, daß Julius Cäsar den Kalender reformieren mußte. Auf römische Art praktisch und simpel: mit einem Schalttag jedes vierte Jahr. Theoretisch ein Rückschritt. Das ganze Mittelalter litt darunter, bis die Gregorianische Kalenderreform 1585 zustande kam, wovon wir heute noch zehren. Zweifellos eine sehr befriedigende: die Jahresabweichung schwankt nur noch um Sekunden, in 36 000 Jahren ist der Fehler noch nicht größer als ein Tag.

Und doch gab es noch einen besseren Kalender, dessen Jahreslänge bis auf Zehntelsekunden stimmte: den der Maja. Man lernt ihn erst richtig schätzen, wenn man das äußerst unhandliche Zahlensystem der Maja kennt. Ihre Grundzahl 20 multiplizierten sie mit l bis 13, so daß an Stelle unserer 100 die Einheit 260 trat. Damit zu rechnen und zugleich die Himmelszahlen damit zu vereinen, war schon eine mathematische Belastung, die den anderen Kulturen erspart blieb.

Das Jahr hatte 18 Monate zu 20 Tagen, WOEU fünf Unglückstage kamen. 52 solche Jahre ergaben 73 Einheiten, unseren Jahrhunderten vergleichbar, insgesamt einen Zeitraum von 18 980 Tagen, das "Jahrtausend" der Maja Geschichte. Diesem unglüddichen Rechensystem zum Trotz hat es der Maja Kalender durch geschickt gewählte zusätzliche Schalttage auf die höchste Genauigkeit gebracht. Leider wissen wir fast nichts von der astronomischen Betätigung des hochbegabten Volkes. Auf Bildern sind ein paar äußerst primitive Instrumente erhalten. Wenn sie die einzigen gewesen sind, haben die Maja Astronomen an Geduld und Beobachtungsgabe alle anderen übertroffen. Denn es gelang ihnen, den Umlauf der Venus auf den Tag geniu zu bestimmen — eine außerordentliche Leistung. Die Venus war allerdings auch ihre zweite Hauptgottheit nach der Sonne und erhielt Menschenopfer, wenn sie wieder sichtbar wurde. Sie verdrängte den Mondgott, vielleicht deshalb, weil der Mond der kapriziöseste von allen Himmelskörpern ist und sich am wenigsten in den Kalender fügt. Denn der schwer errungene Kalender wuchs den Majas so ans, Herz, daß sie einen Fetischkult mit ihm trieben. Um ihn bemühte sich ihre Kunst wie um kein anderes Objekt, die Ornamente ihrer Tempel waren versteinerte Zeitberechnungen, auf jeder Säule, jedem Fries drängten sich Jahres, Monats , Tageszeiten. Das ganze öffentliche Leben wurde kalendarisch überwacht und chronologisch einfweiht — Infolgedessen at die moderne Geschichtsforschung vom Ablauf dieser tief verschütteten Kultur ein unverhofft genaues Bild gewonnen, als sie von ihrer mysteriösen Schrift wenigstens die Zahlzeichen gedeutet hatte. Sie konnte eine einwandfreie Chronologie der MajaGeschichte liefern — nur eines fehlte: ein festes Ausgangsdatum, das sie mit unserer Zeitrechnung verband. Man hatte sozusagen das Fahrzeug wiederhergestellt, besaß aber keinen Startschlüssel da"für.

finden, wurden unerhörte Anstrengungen gemacht. Die endgültige Lösung glückte erst durch einen weiteren Kalender — einen, der alle früheren an Bequemlichkeit, Exaktheit und vor allem an Reichweite hinter sich läßt. Ein ewiger Kalender mit sämtlichen Finessen, die man sich nur wünschen kann, und ohne jede Rechenarbeit: das Zeiß Planetarium. Zu den vielen Menschheitsträumen, die den Erfindergeist nicht ruhen ließen, gehört auch ein Modell des kreisenden Firmaments mit den verschiedenen Bewegungen von Sonne, Mond und Planeten. Schon Archimedes konstruierte eines, die Römer nahmen es nach der Eroberung von Syrakus als gute Beute mit. Der Mathematiker Huygens erfand den Kettenbruch bloß zu dem Zweck, die Zahnräder für sein Planetariuni leichter zu berechnen. Prinz Eugen ließ sich von einem englischen Mechaniker ein kostbares Himmelsuhrwerk bauen; die Straßburger Münsteruhr mit ihrem Sternglobus und ihrem beweglichen Sonnensystem kann man heute noch bewundern.