Von Werner Leibbrand

Daß die einfachsten Begriffe meist die kompliziertesten sind, hat wohl Goethe formuliert. Der Historiker verliert in seiner Tätigkeit nicht minder den Glauben an naive Einfachheit der Begriffe.; denn er sieht beispielsweise, daß es noch keiner ärztlichen Generation gelang, jene Krankheiten begrifflich zu klären, die spezifisch menschlich sind.

Arthur Jores, Professor in Hamburg und einer der wenigen akademischen Ärzte, für die die Begriffe Geist und Spekulation keinen Kinderschreck bedeuten, unternimmt es, diese Krankheiten als spezifisch menschliche Phänomene sichtbar zu machen:

Arthur Jores: „Der Mensch und seine Krankheit.“ Ernst-Klett-Verlag, Stuttgart, 12,80 DM

Krankheiten, wie Magengeschwür, Asthma, Hochdruck, Fettsucht, kommen als Spontanerkrankungen beim Tier nur selten und bedingt vor. Da anderseits eine spezielle Histologie oder Biochemie des Menschen fehlt, vermag nur der anthropologische Ansatz bei der Herausarbeitung der menschlichen Krankheit zu helfen. Mit Recht betont Jores, dieser Grundansatz werde schon beim Physiologieunterricht zumeist verfehlt. Aber was bedeutet nun Anthropologie im Sinne eines Unterscheidungsmittels? Da sind es besonders die Hirnrindenmittels? die in der aufsteigenden Entwicklungsreihe als Neuerwerb des Menschen gelten müssen. Da fehlt dem Menschen die Eingleisigkeit vorgeschriebener und festgelegter Instinkte, wie Gehlen und Portmann zeigten. Der Mensch lebt nicht, er führt sein Leben, er bewältigt oder verpaßt es. Gerade seine Unvollkommenheiten dem Tier gegenüber ermöglichen ihm erst das Leben. Nur so gewinnt er Freiheit. In ihm sind Natur und Nichtnatur verschränkt. Schon das Kind ist umweltoffen. „Nicht fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf“, hatte Nietzsche gesagt. Dieses „Soll“ ist also wertkategorial dem Anthropologischen schon mit aufgegeben.

Davon handelt das Buch von Arthur Jores. Es ist sehr didaktisch aufgebaut, benutzt Exkurse der Verdeutlichung, löst aus dem literarischen Gestrüpp die Leitmotive heraus und orientiert im besten Sinne. Das weitere Ergebnis ist: naturwissenschaftlich einseitig betriebene Medizin vermag die Krankheit als menschliche nicht in den Griff zu bekommen. Die von Freud ausgehenden Lehren der Neurose haben hier eine Bresche geschlagen. Sie bemühen sich um das Problem der Organwahl und des Zeitmoments. So wird die Organerkrankung nicht zu einem anatomischphysiopathologischen Faktum, sondern zu einem vielschichtigen Geheimnis. Zum Beispiel kann der Leib für die Seele stellvertretend werden. Jores untersucht dann das Schuldproblem, das die abendländische Medizin von jeher beschäftigt hat. Krankheit entzieht den Menschen der Verwirklichung seiner höchsten Lebenswerte; das trifft aber nicht für jede Krankheit generell zu. Sie kann auch, wie die Romantiker wußten, wertsteigernd wirken.

Im Zusammenhang mit diesen Fragen erörtert Jores den Verlust des heutigen Menschen an echter Leidensfähigkeit; er kann besser organisieren, als sinnvoll leiden. Dieses Organisieren hat die Therapie zweifellos befruchtet. Viele schwere Krankheiten haben ihren tödlichen Schrecken verloren (parasitäre Infektionskrankheiten). Jores erörtert dann die Formen therapeutischer Wirkung; es gibt deren die kausale, magische und psychotherapeutische. Er hofft auf das Bündnis der kausalpragmatischen mit der psychotherapeutischen, eine Hoffnung, die die Spätromantik fast eschatologisch, aber vergeblich ersehnte. Zum Schluß behandelt Jores das Problem Altern und Tod. Die Eigenart des Menschen, in den Tod vorwegzulaufen, veranlaßt ihn zu gewisser Anerkenntnis des Freudschen Todestriebes. Auch hier ist für den modernen Menschen typisch, daß er mit dem Tod nichts anzufangen weiß, ihn fortschiebt oder ausklammert.

Mit diesen Bemerkungen sind nur die wichtigsten Ziele dieses nachdenklichen Buches skizziert, das weder für den handwerklichen Arzt noch für den Laien geschrieben ist, sondern für „den Menschen“.