Von Willy Wenzke

Am vergangenen Sonntag hat Wiens diesjährige Internationale Herbstmesse nach einem ungewöhnlichen Rekordbesuch aus dem In- und Auslande mit unerwartet günstigen Auftragsergebnissen ihre Pforten geschlossen. In der traditionsreichen Reihe der Wiener Messen war es die 64. Veranstaltung und dabei eine „Jubiläumsmesse“: es sind jetzt zehn Jahre her, seit die Messe – nach der völligen Zerstörung ihrer Baulichkeiten im Pratergelände und den harten Kriegsschäder, die auch der Messepalast im Zentrum der charmanten Donau-Metropole erlitten hatte – zum zweitenmal ins Leben trat. Unverkennbar war die Absicht, den österreichischen Export nach allen Teilen der Welt – nicht zuletzt nach der Bundesrepublik, im Hinblick auf das nach wie vor empfindliche Defizit in der Handelsbilanz – durch eine umfassende Export-Offensive zu forcieren. Unverkennbar war aber auch, daß Wien auf dem besten Wege ist, seine alte Rolle als West-Ost-Handelsplatz wieder einzunehmen. Davon zeugte nicht nur das intensive Bemühen aller führenden Ostblock-Länder, in Wim auf jeden Fall „dabei zu sein“ und einen „guten Eindruck“ zu machen – davon sprach ebenfalls die starke Beteiligung der großen Länder der westlichen Welt. Zweifellos wurde hier – geboren ans wirtschaftlicher Vernunft und gefördert durch die günstige politische Situation – ein durchaus bemerkenswerter (und gelungener) Versuch der Koexistenz vorexerziert.

Wien, Mitte September

In diesem Jahr hat die Wiener Internationale Herbstmesse eine Meisterleistung vollbracht: von der ersten bis zur letzten Stunde der acht Messetage spielte sich in den imposanten Hallen und Pavillons des Pratergeländes sowie im Messepalast vor den erstaunten Österreichern ein Wirtschaftskampf par excellence ab, bei dem die führenden Staaten der freien Welt in einem harten, aber fairen Wettbewerb mit nahezu dem gesamten Ostblock standen. Die beiden rivalisierenden Welthälften hatten Wien dazu ausersehen, vor den aus allen Winkeln der Erde zur Donau gereisten Interessenten das gesamte Sortiment ihrer Qualitätserzeugnisse in wirkungsvoller Form auszubreiten. Daß dies in der „Halle der Nationen“ zumeist unter einem gemeinsamen Dach vor sich ging, verlieh der Sache ihren besonderen Reiz. Den Besuchern wurden so treffliche Vergleichsmöglichkeiten geboten. Nordamerika, die Bundesrepublik, Italien, die Türkei, Portugal, Pakistan und auch Jugoslawien konkurrierten im friedlichen Nebeneinander mit Polen, der Tschechoslowakei, Rumänien und der mitteldeutschen Sowjetzone, während vor dieser Halle die Pavillons von Großbritannien, der Sowjetunion und Rot-Chinas das Wettbewerbskonzert fortsetzen.

Wien hat sich in den letzten Jahren sehr zu seinem Vorteil entwickelt; es hat den nicht leichten Schritt zur internationalen Großmesse getan. Das verdient aufrichtige Anerkennung. Allein schon der Ausstelleraufmarsch war imposant. Zu 2636 österreichischen Firmen kamen 1490 aus 17 ausländischen Staaten. Die Bundesrepublik war mit 900 Firmen vertreten, ein Beweis mehr dafür, daß Westdeutschland buchstäblich keine Gelegenheit Vorbeigehen läßt, um den wichtigen österreichischen Konsumenten anzusprechen. Hierzu ist die Wiener Messe zweifellos bestens geeignet: wirkt sie sich doch durch die vielen „Seh-Messebesucher“ aus allen Teilen Österreichs nicht zuletzt auf dem Gebiet der Bedarfsdeckung nachhaltig aus.

Einer weiteren Steigerung des bundesdeutschen Exports nach Österreich sieht man in Wien verständlicherweise mit durchaus gemischten Gefühlen entgegen. Denn die unausgeglichene Bilanz des Landes mit seinem wichtigsten Handelspartner – eben der Bundesrepublik – wird schon seit Ungern mit Sorge betrachtet. Gegenwärtig nimmt Westdeutschland 26 v. H. aller österreichischen Ausfuhren ab, hat jedoch einen Anteil von 36 v.H. am Gesamtimport. Die intensiven Bemühungen Österreichs, den Export nach der Bundesrepublik spürbar auszuweiten, sollen mit aller Energie fortgesetzt werden. Man spricht ganz offen von einer umfassenden Exportoffensive, die Wien mit Stoßrichtung Westdeutschland startet. Im ersten Halbjahr 1956 zeichneten sich die ersten Erfolge ab: die Exporte Österreichs nach der Bundesrepublik zogen gegenüber der Vergleichszeit des Vorjahres um 10 v. H. auf 361,8 Mill. DM an, während sich die aus Westdeutschland bezogenen Importwaren nur um 5 v. H. erhöhten. Doch immerhin liegt ihr Wert in der Berichtszeit bei 668,2 Mill. DM.

Ganz gewiß bieten sich dem Export österreichischer Erzeugnisse nach Deutschland noch viele – und bislang ungenutzte – Möglichkeiten. Allein schon der vieldiskutierte Weinexport (Österreich kann mit einer langen Karte lobenswerter Weine aufwarten) dürfte jetzt zum Zuge kommen, weil in der Bundesrepublik mit einem beachtlichen Ausfall in der Weinernte gerechnet werden muß. Doch manchmal gewinnt der objektive Beobachter den Eindruck, daß man sich innerhalb der westdeutschen Grenzen über das österreichische Warensortiment nicht ganz im klaren ist, vielmehr noch immer glaubt, Österreich ist in der Hauptsache nur unser Holzlieferant. Vielleicht hat es aber auch die Donaurepublik in der Vergangenheit versäumt, das ihr zur Verfügung stehende Angebot entsprechend wirkungsvoll zu servieren.