Zahlreich sind die Bilder, die uns über den Gang der Weltgeschichte, über ihre Triebkräfte, ihre Ursachen und Wirkungen an die schon überreich behängten Wände gemalt werden. Bei diesem Tun haben die großen und gar die genialen Vereinfachen, die Monomanen ihrer Idee, stets mit dem nachdrücklichsten Effekt rechnen können. Das Muster hierfür hat Oswald Spengler geliefert. In neuester Zeit scheinen die Engländer diesen Vorsprung aufholen zu wollen. Kaum hat Toynbees Entwurf eines geschlossenen weltgeschichtlichen Panoramas mit den Leitbegriffen „Entscheidung, Wachstum, Niedergang und Auflösung“ berechtigte Bewunderung geerntet, da tritt der von seinem deutschen Verlag lakonisch als „Kulturgeschichtler, Schriftsteller und Landwirt in einer Person“ bezeichnete Engländer Edward Hyams mit einem Buch auf den Plan, das in seiner Einseitigkeit bestechend, ja, alarmierend – und enttäuschend zugleich ist:

Edward Hyams: „Der Mensch – ein Parasit der Erde?“ Kultur und Boden im Wandel der Zeiten. Aus dem Englischen von Felicitas Scholand. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf, 310 Seiten, 17,80 DM.

Hyams, der das meiste von den Dichtern hält, den einzigen „ganzen“ Menschen, und nach dessen Wunsch eigentlich von diesen Geschichte geschrieben werden müßte (anstatt von den phantasielosen Gelehrten), stellt seinen weltgeschichtlichen Abriß unter die Prämisse, daß der Boden das Schicksal. der Völker, der Menschheit sei. Er ist nicht der erste und nicht der einzige, der das behauptet. Aber es ist bisher wohl kaum ein Buch erschienen, das soviel hochinteressantes Material über das Verhältnis des Menschen zum Boden (und seine Todsünden an ihm), über die frühen Bodenkulturen Ägyptens, Babyloniens und Indiens und über das dramatische Wechselspiel von Zivilisationswahn, Kulturtat und Naturgeschichte Europa, Asien und Nord- und Südamerika so fesselnd und allgemeinverständlich geboten hätte. Jedoch im selben Grade, in dem Hyams fasziniert und erregt, wenn er von Wäldern, Feldern, Flüssen, Wind, Pflanzen und Tieren schreibt und von den Taten und Untaten der Menschen, enttäuscht er auch, sobald er generalisiert, „kurzschließt“ und postuliert, Athen, Rom und Babylon seien durch Raubbau am Boden, durch falsche Agrarpolitik, durch Vernachlässigung der Bodenkulturen und der Bewässerungsanlagen zugrunde gegangen.

Er ist sich allerdings der Gefahr bewußt, sich den Vorwurf der Einseitigkeit zuzuziehen, und so sagt er im Vorwort zur englischen Originalausgabe seines – übrigens sauber übersetzten – Buches: „Es könnte den Eindruck erwecken, als sei ich der Meinung, allein die Natur und der Böden hätten Einfluß auf den Charakter der Gemeinschaften ausgeübt... Dies ist natürlich nicht der Fall; hätte ich darauf aber Rücksicht nehmen wollen, so wären Abschweifungen in die allgemeine Sozialgeschichte unvermeidlich gewesen, und das hätte mich zu weit von meinem Thema abgebracht und das Buch sehr viel länger werden lassen. So habe ich eine gewisse Verzerrung des Bildes in Kauf genommen...“

Der Rezensent ist der Ansicht, daß Hyams das dickere Buch hätte schreiben und „die allgemeine Sozialgeschichte“ hinzunehmen sollen – wenigstens ausführlicher und fundierter, als er es sowieso schon tun mußte, weil er ohne diese „Abschweifungen“ gar nicht auskommen kann. Oder aber er hätte auf manche allgemeine Nutzanwendung seiner im einzelnen vortrefflichen und oft frappierenden Beobachtungen und Erkenntnisse bei seinem verkürzten Verfahren verzichten müssen. So hat sich der Autor zwischen die Stühle gesetzt, wo er doch rechter Hand Zum revolutionären Geschichtsinterpreten und linker Hand zum makellosen, populären Naturgeschichtserzähler hätte werden können. Und so trägt auch er den Stempel des Monomanen, wenn auch den eines höchst sympathischen, gedankenreichen und Achtung heischenden. h. S.