New York, im September

Marilyn Monroe hat in ihrem neuesten Film Bus stop einen ungewöhnlichen Erfolg errunden: die New Yorker Filmkritik stellt einmütig fest, daß sie diesmal „auch als Schauspielerin“ und sogar als eine erheblich straffe und nuancenreiche zu sehen sei. In der Tat geht die Vielgeliebte und Reichkarikierte hier über ihre bekannte Technik des Hüfteschwingens und Mäulchenmachens weit hinaus, hat ernste, ja, bewegende Momente und schafft mit Verve eine richtige Charakterfigur. – Bus stop ist ein viel belachtes Bahnenlustspiel William Inges in einem hemdsärmeligen Milieu, einem kleinen tief eingeschneiten Autostraßen-Gasthaus im waldwilden Westen. Der erfolgsbewährte Schwankautor George Axelrod und Joshua Logan als Regisseur, diesmal mit härterem Griff als sonst und weniger auf Stimmung und psychologische Feinheiten als auf wuchtige Wirkungen bedacht, haben daraus fast ein kleines „Rodeo“ gemacht. Sie versetzten die Handlung in ein Cowboy-Varieté und füllten sie absichtlich mit malerischen Gestalten an.

Es blieb aber der Mittelpunkt der kleinen, dumm-sentimentalen Chansonette, die von einem derben Ranch-Boy umworben wird und diesen durch wehrlose Schlauheit schließlich auf die Knie zwingt. Das macht Marilyn Monroe in der Tat weitaus besser, als die überzeugtesten Verehrer ihrer burlesken Schönheit je erwartet hätten. Sie ist verdrossen und listig, geängstigt und durchtrieben, übermütig und gerührt. Und sie liefert in fast schwankhaften Liebesszenen Starparodien von großer Ergötzlichkeit. Sie zeigt und entzündet das Fünkchen Seele in diesem kindlich eigensinnigen Muskelmenschen – mit großer Sparsamkeit ihrer üblichen Bezauberungstricks. Als Film hat Bus stop nicht den Hintergrundzauber des Bühnenstücks. Nicht dessen unauffällige Lebensechtheit der wie traumhaft dahindämmernden Gestalten. Es hat dafür Humor und Tempo, mit dem beachtenswerten Versuch, die Wildwestwelt von heute zu zeigen, wie sie – außerhalb der Filmstudios – ist: als ein Gemenge von Banjojazz, sinnlosem Sporenklirren, Fremdenverkehrsplakaten, verstohlenen erotischen Episoden, wortreicher Trunksucht, und all dies aufrichtig „unromantisch“. Die Produktionsfirma Twenty Century-Fox hat hier jedenfalls mehr Mut zur Wirklichkeit bewiesen, als Gefälligkeit gegenüber der Filmtradition,

Ludwig Ullmann