Liegt denn in alle dem ein Sinn?" sang getreu nach dem Libretto Heinz v. Cramers in schmelzenden Tönen der Tenor Helmut Krebs. "Nee", hallte es vom dritten Rang wie ein Peitschenknall in die andächtige, vielleicht auch etwas schläfrige Festwochenpremiere. Das Parkett antwortete mit Beifall. Es zischelte und einige Bässe im ersten Rang brummelten vermittelnd "Ruhe". "Wir haben bezahlt", ging die muntere Wechselrede – im Libretto keineswegs vorgesehen – vom dritten Rang herunter weiter. Eine wohlondulierte Kritikersgattin, 3. Reihe 1. Parkett, quittierte diese Anzüglichkeit mit einem wegwerfenden "Halbstarke!"

Über allen stand inzwischen heiter und gelassen ein betörend schönes Bühnenbild von Jean Pierre Ponnelle. Hermann Scherchen holte mit mächtiger Dirigentenfaust unbeirrt aus dem Orchester der Städtischen Oper Berlin, Kantstraße, heraus, was ihm Hans Werner Henze in die komplizierte Partitur geschrieben hatte. Zwölftönend, neutönend, schmetterten sich die erprobten Sänger und Sängerinnen die poetischen Tiefsinnigkeiten und manchmal auch Banalitäten zu, mit denen von Cramer sie für die Dauer von nahezu vier Stunden Versehen hatte. So war das ein großer Abend und – wie von der Festwochenleitung geplant – der Höhepunkt der Berliner Festwochen 1956.

Henze, jung, blond, charmant und in elegantem Frack, herbeigeeilt aus Ischia, wo diese Oper "König Hirsch" nach einem Motiv von Gozzi in Zusammenarbeit mit dem ebenfalls dort weilenden v. Cramer entstanden war – es handelt sich bei dieser italienischen Insel um eine Exklave des deutschen Geistes –, herbeigeeilt also ins ehemalige Zentrum des deutschen Geistes, verbeugte sich wieder und wieder ironisch lächelnd. Wisperten doch böse Zungen, niemand anders als die Schöpfer des alarmierenden Opus selbst hätten die Provokation inszeniert... t.k.