oder: die Ursprünge des Weines und der Brunnenkur – Trinkkuren im Heilbad und zu Hause

„Trink dich gesund“ – unermüdlich sind die Kurverwaltungen der deutschen Heilbäde darin, Gäste für die Herbst- und Winterkur zu begeistern, die mehr Ruhe und Erholung verspricht, als die in der Saison des großen Ferientrubels. Wer aber das schöne Wetter dieses Herbstes nicht abgewartet bat und gar seinen Urlaub im Regen verbrachte, der soll, nun wieder zu Hause, nicht versäumen, jetzt etwas Entscheidendes für seine Gesundheit zu tun. „Erneuerung durch heilende Wasser“ heißt der Rat. Die Trinkkur zu Hause – „Prost Kreislauf – „Prost Herz“ – ergänzt und verlängert den Urlaub. Die Abfüllvorrichtungen der sogenannten Versandbetriebe der Heilbrunnen sind heute auf einer solchen Höhe, daß die Haltbarkeit der in Flaschen gefüllten Heilwässer fast unbegrenzt ist und sich weder in Geschmack noch in der Wirkung ändert. Davon ahnte Sirona noch nichts. Wer also vorbeugend in ein paar Wochen Jahrzehnte des Lebens gewinnen will, wer Beschwerden hat, der ziehe seinen Hausarzt zu Rate und beginne die Brunnenkur im Zimmer oder an der Quelle.

Zur Zeit unserer Großväter, als man sich seiner Gesundheit und des Ansehens wegen hie und da einer wirklichen Badekur von vier bis acht Wochen Dauer unterzog – in jener glücklichen Zeit, als man Geschichte noch nicht ausschließlich Hörspielen, sondern dicken Büchern entnahm und darüber hinaus einem Verein für Altertumsforschung beitrat, wurde dank der Initiative einiger rühriger Heimatfreunde unter denGrundmauern des Wiesbadener Schützenhof-Bades ein Stein mit folgender Inschrift gefunden: SIRONAE C. IULI. RESTITUTUS. C. TEMPL. D.S.P.

Der Sinn dieses lumpigen halben Dutzends lateinischer Vokabeln war dem Vorstand des Altertumsvereins sofort sonnenklar: ein gewisser Gaius Julius Restitutus, von Beruf Tempelpfleger, hatte der Quellgöttin Sirona diesen Stein aus eigenen Mitteln gesetzt (de suo posuit, kurz: D.S.P.). So war diese vor rund 1700 Jahren von einem römischen Steinmetz geschaffene Urkunde aus den Anfängen des Wiesbadener Kurlebens alsbald inventarisiert und dem Museum überwiesen. – Wir schreiben das Jahr 1956. Über die Fundstelle am Schützenhof-Bad ist längst Gras gewachsen; und doch glaube ich, es dem Leser dieses Aufsatzes schuldig zu sein, die – wie man sehen wird: durchaus nicht unbedeutende– Frage aufzuwerfen, ob jener römische Tempelpfleger wirklich, wie es die zuständigen Archäologen behaupten, RESTITUTUS hieß. Bedeutet doch das Wort „restitutus“ nichts anderes als „wiederhergestellt“ oder „genesen“, und es hieße doch wohl den Dingen Gewalt antun, wollte man es in jener Danksagung an die Heilgöttin zum Eigennamen erklären. Ist es aber nicht der Name des Tempelpflegers – wie hieß der Mann sonst? Jedermann weiß, daß die Römer zumeist drei Namen führten: nach dem Vornamen und dem Familiennamen noch einen Beinamen. Der Feldherr Gaius Julius zum Beispiel hatte den Beinamen Caesar. Und so muß der Wiesbadener Tempelpfleger Gaius Julius, wenn „der. Genesene“ nicht sein Beiname war, noch anders geheißen haben.

Alles spricht dafür: der Tempelpfleger, dieser Anonymus, hat in der Freude über seine Genesung vergessen, seinen Namen auf jenes Täfelchen setzen zu lassen. Der Auftrag an den Steinmetz, eine Weiheinschrift für Sirona anzufertigen, ist offenbar einer Weinlaune jenes Herrn Gaius-Julius X. entsprungen, der es im übrigen als ein um die Tempelanlagen so verdienter Mann gar nicht nötig gehabt hätte, aus eigenen Mitteln Votivtafeln zu stiften. Hinter der ganzen Affäre steckt – Dionysos, der Gott der Reben.

Sirona versagte sich

Als Homer seine Odyssee schrieb, war der junge Dionysos noch nicht offiziell in den Olymp aufgenommen; er spielte als untergeordneter Dämon eine bescheidene gesellschaftliche Rolle. Der Sage nach soll sein Kult aus dem Norden, über Thrazien zu den Hellenen gekommen sein. In den Donauländern muß er also zuvor seine Heimstatt gehabt, keltische Völker mögen ihm zuerst gehuldigt haben.