Von Theodor W. Adorno

Vom 11. bis 13. Oktober findet der diesjährige Deutsche Volkshochschultag in Frankfurt am Main statt, auf dem sich die Delegierten der über tausend Abendvolkshochschulen des Bundesgebiets treffen. Sie vertreten jene mehr als eine Million Hörer, die 1955 an fast 50 000 Arbeitsgemeinschaften, Kursen und Lehrgängen teilnahmen. In einer Zeit, in der das überkommene Bildungsideal als Grundlage geistiger Schulung immer fragwürdiger zu werden scheint, erwächst auch für die Volkshochschulbewegung eine nicht zu übersehende Problematik. Wir haben daher einen so skeptischen Geist wie den Frankfurter Soziologen Professor Theodor W. Adorno gebeten, einmal zu dieser so wichtigen Frage Stellung zu nehmen.

Früher nannte man, was heute Erwachsenenbildung heißt, Volksbildung, und das Wort hatte einen herablassenden Klang, etwa wie die populären Konzerte der großen Sinfonieorchester. Man stellte sich Bildung für die Ungebildeten darunter vor. Diese Einschätzung wurde von der wahrscheinlich damals bereits fragwürdigen Vorstellung eines festen Bildungsgefüges getragen, dessen Monopol die Höheren Schulen und die Universitäten hüteten. Es galt als von vornherein dem verschlossen, der nicht aus jenen Institutionen kam. Was dann für die Volksbildung übrigblieb, bestand oft aus Gleichgültigem und Peripherem, hatte den Charakter des Tropfens auf den heißen Stein. Das Lückenbüßerische, das der Volksbildung trotz allen guten Willens anhaftete, ihre eigene Qualität, entsprach recht genau der Funktion, die ihr die offiziellen Mächte zubilligten. Zu dem Hochmut der Volksbildung gegenüber, der aus dieser Ära überlebt, ist kein Anlaß mehr. Gerade der akademische Lehrer, der Gelegenheit hat, in Volkshochschulen Vorlesungen zu halten, und dort, ohne Konzessionen zu machen, die lebendigste Teilnahme findet, wird der erste sein zu erkennen, wie muffig und kleinbürgerlich das selbstgerechte Gefühl von Überlegenheit ihr gegenüber ist. Denn die Fragwürdigkeit des traditionellen Bildungsbegriffs, deren schon Nietzsche inneward, liegt heute wirklich allen zutage. Längst existiert keine "substantielle" Bildung, keine Volkskultur mehr. Die Kulturgüter aber, deren sich die glücklichen Besitzer als Konsumenten erfreuen, sind mittlerweile so gründlich auf den Kulturbetrieb heruntergekommen, daß man niemandem mehr einreden sollte, es werde ihm etwas Gutes damit angetan, daß man ihm die sogenannten geistigen Voraussetzungen zum Mitmachen verschafft.

Die alte Bildungsidee hat sich nicht retten lassen, indem man sie, wie die Lehre Wilhelm von Humboldts es möchte, auf die Persönlichkeit zentrierte. In der verwalteten Welt, in der die Tugenden der Persönlichkeit: unabhängiges Urteil, allseitige Entfaltung der Kräfte, Widerstand gegen das bloß von außen Aufgezwungene, geduldige Selbstversenkung nicht mehr honoriert werden, erscheinen jene Tugenden als Sand in der Maschinerie. Der Funktionszusammenhang der Gesellschaft hat jedem einzelnen gegenüber so überwältigende Übermacht angenommen, daß es läppisch und ideologisch wäre, jemanden zur Persönlichkeit erziehen zu wollen; der modische Begriff des ganzen Menschen klingt nicht umsonst kunstgewerblich verblasen. Persönlichkeitsbildung ist zur schlecht ästhetischen Pflege gewisser historisch überkommener Eigenschaften geworden. In dem gleichen Augenblick, indem diese einzig noch um ihrer selbst willen gepflegt werden, ohne die Wirklichkeit mehr eingreifend bestimmen zu können, verkümmern sie in sich selber, Persönlichkeit ist tendenziell schon nichts Besseres mehr als die Saggestionskraft von "Menschenführern", wenn nicht gar die Fähigkeit, bei geschäftlichen Verhandlungen auch über Rilke und Sartre mitreden zu können.

Die Universitäten als Bildungsanstalten haben es schwer. Was man aber unter dem Namen Universitätskrise beredet – welcher Lebensbereich möchte heute nicht seine eigene Krise haben – ist nichts anderes als Ausdruck der gesamtgesellschaftlichen Krise von Bildung überhaupt. Der Anspruch fachlicher, berufsgerechter Ausbildung und der traditionelle, humanistische der Bildung treten an den Universitäten unterm gesellschaftlichen Druck immer unversöhnlicher auseinander. In dieser Spaltung droht die Bildungsidee auch dort, wo sie noch festgehalten wird, zur antiquarischen Spezialität oder zur unverbindlichen und darum in weitem Mal. irrationalen "Weltanschauung" herabzusinken, die man sich je nach Bedarf wählt und die um solcher Unverbindlichkeit willen nur allzuleicht in starre aber auswechselbare totalitäre Parolen übergeht Daß die Universitäten von sich aus, durch eine Reform, daran etwas ändern können, solange die gesellschaftliche Tendenz selber auf den Abbau von Bildung hinausläuft, ist illusionär. Am Scheitern des Studium Generale ist nicht nur der Widerstand der Fachleute gegen das schuld, was sie mit Recht als Phrase beargwöhnen, sondern auch die objektive Unmöglichkeit, Bildung, die nur in der Einheit zwischen der Sache und ihrer geistigen Erfahrung besteht, durch eine Dachorganisation zu ersetzen, welche die entzauberten Tatsachen gewissermaßen nachträglich unter einen geistigen Hut bringt.

Damit aber ist die Lage der Erwachsenenbildung bis ins Innerste verändert. Nicht mir, daß sie sich nicht mehr zu genieren braucht, seitdem die hierarchischen Unterschiede der Bildungsgrade sich verwischen. Sondern sie ist, in jeglicher Hinsicht, soviel weniger vorbelastet als die Universitäten, daß sie aus dem neuen Zustand ungehemmter die Folgerungen ziehen kann als jene. Das Lebenselement der Universität ist es, die Spannung zwischen geistiger Substanz, Tradition und gesellschaftlicher Anforderung bis zum äußersten auszutragen. Darauf muß die Erwachsenenbildung verzichten. Sie darf sich weder irgendeine Tradition vorgeben noch versuchen, etwas wie Bildungsersatz zu liefern, noch gar Kulturgüter, mit denen es an ihrem eigenen Ort nicht mehr stimmt, verwässert an den Mann zu bringen. Sie kann und soll nicht die klaffenden Lücken ausfüllen, sondern ohne historische und institutionelle Vorbehalte der Situation sich bewußt werden. Mit anderen Worten, ihre Funktion ist die Aufklärung. Der neue Aberglaube, mit dem sie es zu tun hat, ist der an die Unbedingtheit und Unabänderlichkeit dessen, was der Fall ist. Dem beugen sich die Menschen, als wären die übermächtigen Verhältnisse nicht selber Menschenwerk. Die Undurchsichtigkeit dieser Verhältnisse, die mehr in der Kompliziertheit der Apparatur als im Wesen besteht, läßt sich aber durchdringen. Die Veränderungen in den Menschen selbst, die sie zu bloßen Agenten der Verhältnisse machen, kann man bestimmen und in den Menschen die Ahnung erwecken, die sie insgeheim bereits hegen: daß sie betrogen werden und sich selber nochmals betrügen.

Niemand wird erwarten, daß die Erwachsenenbildung, ein enger und beengter Sektor im ganzen, von sich aus, unmittelbar vermöchte, Entscheidendes zu ändern. Wohl aber kann sie den Menschentypus, der auf sie und auf den sie eingestimmt ist, so aufhellen, daß er den gegenwärtigen Bedingungen als Avantgarde gewachsen sich zeigt. Sie wird dabei freilich nicht von oben her Bildungsideale, "Leitbilder" präsentieren, sondern von dem Bewußtsein, derer ausgehen müssen, die sich ihr anvertrauen. Das sind heute kaum mehr bildungshungrige Nichtgebildete, sondern eher das, was die empirische Soziologie einen "repräsentativen Querschnitt" nennt, ausgestattet freilich mit einer besonderen Qualität des Skeptischen, Gewitzigten, die der Aufklärung entgegenkommt.