Rlt., Düsseldorf

In Nordrhein-Westfalens Wahlkampf bedient sich die FDP als Propagandisten des Berliner Kabaretts "Die Stachelschweine" und erobert sich damit prallgefüllte Kongreßhallen. Allein in Düsseldorf mußten sie dreimal auftreten, um den Hunger nach Witz und Humor zu stillen, der vor allem bei den "Zugewanderten" groß ist. Aus der Perspektive der veranstaltenden Partei ist die Propagandareise des Kabaretts ein außerordentlicher Erfolg. Auf die Idee, amerikanische Wahlschlagermethoden auch in Deutschland einzuführen, waren der FDP-Landtagsabgeordnete Döring und der FDP-Bundestagsabgeordnete Scheel gekommen.

Sag es mit Geist und sag es mit Laune – könnte das Motto sein, denn Wir Wissen Warum – so jedenfalls leuchtet es von tausend Plakaten als FDP-Wahlschlager den Leuten ins Gesicht. Die Wähler wissen zwar nicht warum; ob es die Wahlkandidaten selber wissen, muß offen bleiben. Aber eines wußte die FDP und ließ es in der Düsseldorfer Rheinhalle durch: einen wohlbeleibten Sprecher ihrer Kreisgruppe vor Beginn des Auftritts der Kabarettisten verlauten: "Mit Wahlreden können wir heute keinen mehr hinter dem Ofen hervorholen. Und so dachten wir uns, wir bieten unseren Freunden und denen, die es werden wollen, einmal einige Stunden Heiterkeit und Freude mit dem politischen Kabarett aus Berlin. Die FDP Düsseldorf wünscht Ihnen jedenfalls viel Vergnügen."

Selten ist im Wahlkampf ein Satz gesprochen worden, der eine solch profunde Wahrheit und zugleich eine solch bittere Selbstanklage enthielt. Diese Rede hätte auch lauten können: "Da unsere Wahlkandidaten keinen Geist, keinen Witz und keine Idee haben, da wir nicht wissen, was wir in diesem Wahlkampf Ihnen sagen sollen – denn was wir versprachen, haben wir nicht gehalten, und was wir versprechen werden, werden Sie uns nicht glauben – so dachten wir, wir machen Ihnen mehr Freude, wenn wir das politische Theater, das wir sonst zu spielen pflegen, von solchen Männern und Frauen spielen lassen, die die Kunst dazu besitzen, die den Geist dazu haben und die ehrlich aus ihrer Berufsbezeichnung erkennen lassen, daß sie eben nur Theater spielen. Und so wünscht Ihnen die FDP Düsseldorf viel Vergnügen."

Das wäre die eine Seite der Medaille, die den geistigen Kehraus einer Partei demonstrieren könnte: Kein Brot mehr, nur noch Spiele. Die andere Seite der Medaille ist fast noch trauriger.

Das glänzende Berliner Kabarett "Die Stachelschweine" erweist sich mit seiner Wahlreise einen schlechten Dienst. Es wird für sein Programm aus den Wahlgeldkassen der FDP bezahlt.

In der Einleitung sagt das Kabarett, es bringe sein Programm – "Mit 1001 Macht". Der FDP-Sprecher sagte vorher, es sei die FDP-Wahlkundgebung. Ist also das Programm der Stachelschweine ein bezahltes FDP-Programm? Oder werden vielleicht manche Szenen von der verbotenen KP bezahlt? Es ist alles so eindeutig gegen die Bundeswehr und nicht immer sehr gelungen gegen die alten Nazis gesprochen und gespielt; der Beamtenstand und die Institutionen der staatlichen Ordnung werden zuweilen so ungeschickt verulkt, daß es auf viele Zuhörer peinlich wirkte. Das Peinliche bestand darin, daß das Programm zu einseitig in seiner Kritik war, daß die Karikierung alter Nazigrößen nur den Bonner Klüngel aufs Korn nahm und so gar nicht die in dieser Beziehung doch wohl auch ganz ergiebige FDP Nordrhein-Westfalens. Aber seinem Brotgeber gegenüber hat man natürlich Hemmungen.