Von Heinz Hell

Bis zum 4. November wird in der Fritz-Schumacher-Schule in Hamburg-Langenhorn von der Griffelkunst-Vereinigung eine Repräsentativausstellung veranstaltet, in der 27 Holzschnitte von Otto Pankok, eine Reihe von Neger-Radierungen, Malereien aus der Sammlung Italiaander sowie dreißig Werke von den modernen Graphikern Kronenber\, A. Paul Weber, Kluth, Heinrich Müller und dem jetzt in Bahia lebenden Hansen zu sehen sind. – Oft wird behauptet, wir erlebten heute eine Hochflut des Materialismus, die musische Regungen erstickt. Dem Verfasser nachfolgender Betrachtung ist die Griffelkunst ein Beweis dafür, daß diese Behauptung so einschränkungslos nicht stimmt.

Die Zeitungen meldeten Rekordzahlen von Besuchern der Picasso-Ausstellungen in drei Großstädten Westdeutschlands. Sie berichteten dasselbe von der großen Schau etruskischer Kunst in Köln. In München findet eine Monstreausstellung statt, in der Malerei, Graphik und Plastik von mehr als tausend Kunstschaffenden gezeigt werden. Menschenmassen, am zahlreichsten die Jungen, strömen hinein, schauen, kritisieren, sind ehrlich oder versnobt begeistert, lehnen ab – kurz: sind beteiligt mit Herz und Verstand. Wer will da noch sagen, wir lebten im Zeitalter des Banausentums?

2500 kapitalarme Kunstsammler repräsentieren eine Auslese, deren menschliche und seelische Qualitäten offenbar werden in Tausenden von Briefen und Kundgebungen aus drei Jahrzehnten, die wohlgeordnet in den Archiven der Griffelkunst-Vereinigung Hamburg-Langenhorn e. V. lagern.

Bei der „Griffelkunst-Vereinigung“ handelt es sich um ein Unternehmen, das keinen Gewinn abwirft. Die Verwaltung arbeitet ehrenamtlich und wird durch die Hamburger Schulbehörde kontrolliert. Gegründet wurde die Vereinigung schon im Jahre 1925. Damals verwirklichte der Hamburger Lehrer Johannes Böse seine langgehegte Idee, die Not der Zeit zu überwinden, indem er Kunst ins Volk hineintrug.

Er glaubte an beide, an die Menschen und an die Kunst; und er glaubte vor allem, daß an Stelle der kalkulierten zwei Prozent aller Deutschen mindestens zwanzig Prozent eine Beziehung zur Kunst Zahl auf 2545. Die Unterdrückung moderner Kunstauffassungen, der Krieg, die Not, der „neue Materialismus“ – sie alle konnten der Griffelkunst-Vereinigung ernstlich nichts anhaben. Im Gegenteil: mehr als einmal mußten Mitgliedersperren verhängt werden, weil der Andrang zu groß wurde. Als am 14. Dezember 1955 Johannes Böse starb, trauerten dankbare Menschen an seiner Bahre.

Die Nachfolge in der Leitung trat seine Tochter Gerda Böse an, die ihrem / Vater schon vorher viele Jahre hindurch assistiert hatte. Sie pflegte die alten Verbindungen mit den Malern weiter und sorgte für den Nachwuchs auch unter den Jungen. Um hier nur einige aus der großen Schar derer zu nennen, die mit ihren Werken vertreten sind: Olav Gulbransson, Eduard Bargheer, C. Felixmüller, Renee Sintenis, E. Heckel, K. Kluth, Kubin, Ruwoldt, A. P. Weber, H. Teuber, E. Ende, W. Geiger, H. Edelmann.