Der Streik in der Metallindustrie Schleswig-Holsteins lenkt die Aufmerksamkeit auf einen der wundesten Punkte unserer Wirtschafts- und Sozialpolitik. Denn wann und wie auch immer diese Auseinandersetzung zu Ende gehen wird: Nicht die „wirtschaftliche Vernunft“, nicht die „soziale Gerechtigkeit“ wird den Inhalt des neuen Tarifvertrages bestimmen, sondern die Macht und die Energie, die von beiden Seiten in die Waagschale der Entscheidung geworfen werden konnte. Ganz offenbar sind wir in der Lohnpolitik seit Jahr und Tag auf dem falschen Wege und ohne ein brauchbares Konzept.

Die Gewerkschaften allerdings behaupten, ein solches Konzept in der Hand zu haben. Sie nennen es „aktive Lohnpolitik“. Was darunter zu verstehen ist, hat der Leiter der wirtschaftspolitischen Abteilung im DGB-Bundesvorstand, Ludwig Rosenberg, erst kürzlich auf dem Bundeskongreß des DGB in Hamburg mit aller wünschenswerten Klarheit wissen lassen. „Mit dem Rechenschieber“, so sagte Rosenberg in einem Plädoyer für die Lohnpolitik der Gewerkschaften, „wollen sie (die Unternehmer) unseren Anteil am Sozialprodukt berechnen und wissen sehr wohl, daß es hier nicht um rechnerische, sondern um politische Größen geht – daß jede Gruppe der Gesellschaft nur jenen Anteil erhält, den sie sich auf Grund ihrer wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Stellung sichern kann. Das ist dann der „gerechte Anteil“, wenn man dieses Wort benutzen will, der Anteil, der dem Geist der Zeit und der Reife ihrer Menschen entspricht“.

Die Gewerkschaften befinden sich mit dieser These in einem folgenschweren Irrtum. Zwar gibt es heute wohl niemanden mehr, der das Gegenteil behaupten wollte, der also der Meinung wäre, daß der Lohn nur eine Zahl in der betriebswirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Bilanz darstelle, deren Höhe sich nach wirtschaftlichen Gesetzen aus der Automatik des Marktes gleichsam von selber ergäbe. Niemand wird aber auch abstreiten, daß der Lohn nach wie vor ein zentrales ökonomisches Datum ist und daß Lohnerhöhungen ihre Grenzen in der nun einmal gegebenen Rechenhaftigkeit der Wirtschaft finden. Allerdings: der Lohn ist nicht aus dem allgemeinen politischen Kräftespiel herauszuhalten. Das gibt aber keine Veranlassung, bei Lohnauseinandersetzungen bestimmte ökonomische Spielregeln außer acht zu lassen und den „Rechenschieber“ beiseite zu legen; denn sonst geht auch politisch die Rechnung nicht auf.

Die „aktive Lohnpolitik“ der Gewerkschaften, die nach unmißverständlichen Erklärungen führender Funktionäre ihre Grenzen nur in der Macht findet, ist zwar nicht ohne positive Ergebnisse geblieben. Ansehnliche Einkommensverbesserungen für Lohn- und Gehaltsempfänger konnten in den vergangenen Jahren auf das Erfolgskonto dieser Art von Lohnpolitik gebucht werden. Aber es wird den Gewerkschaften schwerfallen, mit überzeugenden Argumenten abzustreiten, daß ihre stürmische Aktivität auf diesem Gebiet ohne Auswirkungen auf die Preise und ohne unsoziale Konsequenzen geblieben ist. Die Preissteigerung, die in den letzten Monaten so viel Unfrieden in die Wirtschaft getragen hat, sind zwar nicht allein, aber zu einem wesentlichen Teil darauf zurückzuführen, daß seit etwa zwei Jahren die Lohnerhöhungen das volkswirtschaftliche Wachstum überrundet haben und zwar in zunehmendem Maße.

Die durchschnittlichen Stundenlöhne der in der Industrie beschäftigten Arbeitnehmer lagen im Jahre 1954 um 24 v. H. über denen des Jahres 1950. Das Produktionsergebnis je Arbeitsstunde, also die Produktivität, hat sich in der gleichen Zeit um 30 v. H. erhöht. Diese innerhalb der ökonomischen Grenzen bleibende lohnpolitische Aktivität der Gewerkschaften hielt die Preise nicht nur stabil, sondern zwang die Unternehmer sogar, nach Auslaufen der Korea-Hausse, zu nicht unerheblichen Preiskonzessionen. Aber schon im Jahre 1954, dann aber verstärkt ab 1955, kam es zwischen Unternehmern und Gewerkschaften zu Lohnvereinbarungen, mit denen der technische Fortschritt nicht Schritt halten konnte. Nach dem Halbjahresbericht der wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute für das erste Halbjahr 1956 betrug der Produktivitätszuwachs nur noch wenig mehr als 3 v. H. Auf Grund der im Jahre 1955 ausgehandelten Lohntarife stieg der Durchschnittslohn in der Industrie im ersten Quartal dieses Jahres um 10 v. H. Das blieb leider nicht ohne Folgen. Sie zeigen sich jetzt.

Der Zusammenhang zwischen Lohn, Preis und Produktivität ist nicht mit dem Hinweis beiseite zu schieben, daß die Produktivität nicht exakt meßbar sei. Auch wenn das so wäre, bliebe die Überlegung richtig, daß Lohnerhöhungen, die über den Produktivitätszuwachs hinausgehen, die Preise hochtreiben, jedenfalls so lange die Mehreinkommen der Arbeitnehmer restlos in den Verbrauch gehen. Und das ist leider mehr oder weniger der Fall. Die Gewerkschaften pflegen dagegen einzuwenden, daß die durch die steigende Produktivität nicht gedeckten höheren Lohnkosten ohne Schwierigkeiten in den Gewinnen der Unternehmer aufgefangen werden könnten. Das ist leichter gesagt als getan. Denn mit diesen Gewinnen werden heute die Investitionen zur weiteren Rationalisierung der Betriebe finanziert, ohne die morgen keine höheren Löhne gezahlt werden können. Diese Investitionen werden durch den starken Nachfragedruck, der von den auf den Markt drängenden und dem technischen Fortschritt vorauseilenden Masseneinkommen ausgeht, erzwungen – mit dem sozial allerdings keineswegs wünschenswerten Ergebnis, daß die dazu erforderlichen Mittel über höhere Preisforderungen hereingeholt werden.

Mit der Kritik an der zu hohen Selbstfinanzierungsrate der Wirtschaft stehen die Gewerkschaften keineswegs allein da. Allerdings ist die von ihnen praktizierte aktive Lohnpolitik alles andere als ein probates Mittel, daran etwas zu ändern. Ganz im Gegenteil. Mit dieser Lohnpoltik und ihren unerfreulichen Auswirkungen avf die Preise sind wir seit geraumer Zeit auf den besten Wege, die noch vorhandene Sparneigung der breiten Bevölkerungsschichten systematisch abzuwürgen. Die Hoffnung, wenigstens einen nennenswerten Teil der Lohn- und Gehaltsempfänger allmählich nun auch in die Finanzierung der Investitionen einzuschalten und damit am Besitzeinkommen zu beteiligen, wird mehr und mehr zu einer Illusion unverbesserlicher Optimisten. Diese Lohnpolitik muß auf die Dauer zu einer Kapitalkonzentration in den Händen derjenigen führet, die anderes als ihre Arbeitskraft anzubieten haben.