Von Katharina Elisabeth Russell

London, Ende Oktober

Seitdem cook, butler und personal maid wegen Raummangels oder aus Sparsamkeitsgründen aus dem Haushalt der meisten englischen Familien verschwunden sind, ist die Küche nicht mehr der Ort, um den von Hausfrau und Hausherrn ehrfurchtsvoll ein Bogen gemacht wird. In früheren Zeiten hätte „Cook“ – die anerkannte Autorität, die niemals von „der“ Küche, sondern stets von „meiner“ Küche sprach – es sehr verargt, wenn sich die Häupter der Familie ungebeten In das von ihr regierte Reich der Kochtöpfe und Pfannen gewagt hätten. Sie schwang das Szepter über ein oder zwei Küchenmädchen – und was darüber war, war von Übel. Putzen, Abwaschen und Abtrocknen waren Themen, die weder im Wohn- noch im Eßzimmer erörtert wurden; sie standen überhaupt niemals zur Diskussion. Die „Herrschaft“ herrschte im wohnlichen Teil des Hauses: in der Küche und allen ihren Nebengelassen gab es nur einen Diktator – die Köchin, die sich nicht dreinreden ließ.

Heute haben alle Mitglieder der Familie im Bereich der Küche nicht nur gleiche Rechte, sondern auch gleiche Pflichten, und viele Ehemänner betrachten es schon als selbstverständlich, daß sie nach dem Dinner auch beim Abwaschen und Abtrocknen helfen – wofern sie dabei nicht überhaupt auf die Mitarbeit der Hausfrau verzichten müssen, vielleicht, weil das Fernsehprogramm deren Anwesenheit erfordert.

Mit der Demokratisierung der Küchenarbeit hat merkwürdigerweise die dabei unentbehrliche Hauswäsche ein anderes Gesicht bekommen: Sie spiegelt in Wort und Bild die tragikomischen Vorkommnisse, die an der Tagesordnung sind, wenn ungeübte Hände sich heldenhaft der alltäglichen Plackerei unterziehen. Die irischen Leinenweber, die in den neuesten Ausgaben ihrer Werke auch den Herrn der Schöpfung nicht verschonen, haben durch bunte Drucke, Sprüche, Verse, Wortspiele und Karikaturen soviel Abwechslung in den Wäscheschrank gebracht, daß ihre Tüchelchen, die früher zu den eintönigsten aller Textilien gehörten, auch schon als Cocktail-, Tablett- und Teetischdeckchen einen zweiten und „höheren“ Lebenszweck gefunden haben. Heute kauft man nicht nur dann Küchentücher, wenn man sie dringend braucht, sondern man sammelt sie wie Briefmarken oder Schmetterlinge.

Die neueste Serie der Dunmoy-Leinentücher hat dieser Tage unter dem Leitmotiv Odd Fish – was sowohl „mancherlei Fische“ wie „seltsame Leute“ bedeutet – in die Hauswäschelager der Londoner Stores Einzug gehalten: sie besteht aus „fischigei“ Wortspielen. Dressed Crab zeigt ein mit pompösen Perlenkolliers, pleureusen- und blumenteschwerter Capeline und allem Drum und Dran behängtes weibliches Wesen, dessen Zuviel an Aufmachung gleichzeitig als „Krabbe garniert“ erscheint. Die Tatsache, daß pickled sowohl mariniert wie auch „angesäuselt“ bedeutet, ist die Grundlage des Herings-Idylls; die Worte pickled herrings haben den Zeichner zum Porträtieren von zylinderbehüteten Meerjünglingen mit Fischschweif,

die ein paar Gläschen über den Durst getrunken haben, angeregt.