An dem israelischen Angriff auf Ägypten sind wir alle schuld. Eine lange Kette fortzeugend Böses gebärender Handlungen und schuldhafter Unterlassungen ging dem „Auszug des Volkes Israel in falscher Richtung“, vom Gelobten Land nach Ägypten, voraus. Wenn die Krieger Ben Gurions bei diesem Marsch den Berg Sinai erblicken, denken sie dann daran, daß von dem Gipfel dieses Berges vor 5000 Jahren das Gebot verkündet wurde: Du sollst nicht töten? Und ist ihnen klar, daß diesmal kein Engel des Herrn vor ihnen herschreitet? Nach allem, was wir bisher an arabischen Aktionen und israelischen Vergeltungsaktionen erlebt haben, sieht es leider so aus, als sei in ihrer Brust jenes ältere Gebot, „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, lebendiger.

Ben Gurion hat oft von einer „Mission des jüdischen Volkes“, einer jüdischen Botschaft für die ganze Menschheit gesprochen. Wir wissen nicht, ob ihn bei seinem tief bedauerlichen Entschluß, seine Truppen über die Grenze nach Ägypten zu schicken, derartige missionarische Gedanken erfüllt haben oder nur die nüchterne Erwägung: Jetzt oder nie! Der Augenblick des immer noch schwelenden Suezkonflikts, der Wahlen in USA und der Umwälzungen in Osteuropa schien ihm vielleicht zu verlockend, um versäumt zu werden!

Eine Welle von Sympathie, ausgelöst nicht zuletzt durch die Untaten Hitlers, hat den jungen Staat Israel bisher getragen, ja den Aufbau dieses Staates inmitten einer feindseligen Umgebung überhaupt ermöglicht. Diese Sympathie hat – soweit sie dem Mitgefühl mit dem Leiden des jüdischen Volkes entspringt – ihre tiefe Berechtigung. Sie zu leugnen, käme von allen Völkern der Erde dem deutschen Volk am wenigsten zu. Das aber rechtfertigt nicht, daß Ben Gurion heute Blut und Eisen den Vorzug gibt vor Recht und internationaler Moral. Doch auch daran sind wir, die sogenannte christliche Welt, nicht schuldlos. Wächter des Rechts und der internationalen Moral sollte die UNO sein; mangelhaft hat sie dieses Wächteramt vom ersten Tage an erfüllt! Wie unbefriedigend hat sie nicht bereits im Jahre 1948 reagiert, als ihr Friedensvermittler Graf Bernadotte israelischen Mörderkugeln zum Opfer fiel. Werden Gesetz und internationale Moral ungestraft verletzt, so schwindet unweigerlich ihr Ansehen und die Ehrfurcht vor ihren Geboten. G. v. Uexküll