J. H., Paris, Ende Oktober

Auf dem Pariser Automobilsalon, der in diesem Jahre übrigens mit einem enttäuschenden Besucherergebnis geschlossen wurde und künftig wohl nur noch alle zwei Jahre stattfinden wird, war nicht ein einziges wirklich neues Modell zu sehen. Die Konstrukteure haben es auch vorläufig noch gar nicht nötig, sich um neue Modelle zu kümmern. Die französische Autoproduktion steckt in einem Boom, der unerwartet lange anhält, für den französischen Wirtschaftsminister sogar zu lange. Ramadier würde nämlich lieber sehen, daß der Inlandabsatz zurückgeht, damit sich die Automobilfabrikanten mehr um den Export bekümmern. Die Produktionszahlen für das erste Halbjahr 1956 sind um mehr als 15 v. H. höher als zur gleichen Zeitperiode des Vorjahres, und es wird für 1956 ein neuer Produktionsrekord mit ungefähr 850 000 Einheiten gegenüber 725 000 vor einem Jahr erwartet. Der Produktionsfortschritt ist vor allem auf dem Gebiet der Personenwagen auffallend. In den ersten sechs Monaten d. J. wurden 345 533 Einheiten fertiggestellt, gegenüber 288 714 im ersten Halbjahr 1955. Für die Entwicklung der Kaufkraft der Bevölkerung ist es bezeichnend, daß neben den Kleinwagen bis zu 4 PS, die mit 29 v. H. der Gesamtproduktion an erster Stelle stehen, jetzt vor allem die Wagen der Mittelklasse (7 bis 8 PS) mit 27,6 v. H. einen wesentlichen Produktionsanteil aufweisen. Die Produktion von Lastkraftwagen hat sich ebenfalls vergrößert, wenn auch keineswegs im gleichen Ausmaß wie die der Personenwagen. Ihre Produktionszahl beträgt für das erste Halbjahr 85 111, gegenüber 82 919 Einheiten in den ersten sechs Monaten von 1955.

Gleichzeitig wies aber auch der Export der französischen Autoindustrie einen Anstieg auf, wobei in Fachkreisen festgestellt wird, daß die französische Produktion im Ausland nun wieder auf stärkeres Interesse stößt. Im ersten Halbjahr wurden 92 873 Wagen ausgeführt, die Steigerung erreicht also 11,5 v. H. Zieht man jedoch in Betracht, daß der Absatz in den Territorien der französischen Union schon im Hinblick auf die Ereignisse in Nordafrika zurückging (29 808 gegen 32 780 für alle Wagentypen), so erreichte die Umsatzerhöhung des Exportgeschäfts 24 v. H. für alle Wagentypen und sogar 28 v. H., wenn man nur die Personenwagen berücksichtigt. Wichtigste Abnehmer französischer Kraftfahrzeuge waren im ersten Halbjahr 1956 Belgien und Luxemburg (17 788), Spanien (5325), die Schweiz (4714), die USA (3361) und die Bundesrepublik (2800). Hierbei muß allerdings betont werden, daß Paris alles tut, um den Kraftfahrzeugexport zu fördern, jedoch auch jede Chance wahrnimmt, um den Import von Automobilen, vor allem aus der Bundesrepublik und den Staaten, zu verhindern ...

Seit einiger Zeit schon beobachtet man innerhalb der französischen Autoindustrie Konzentrationsbestrebungen, um eine bessere Ausnutzung des Produktionsapparates zu erreichen. Nach den Vereinbarungen zwischen Citroen und Panhard kam es zur Bildung der Gruppe Saviem-Latil-Renault-Somua für die Herstellung von schweren Lastkraftwagen. Diese Gruppe übernahm vor kurzem noch die Kontrolle der beiden Konstruktionsfirmen Floriot und Isobloc. Simca hat seinerseits nach der Fusion mit Ford die Kontrolle über die Firma Unic übernommen und vor wenigen Tagen auch, die über die französischen Saurer-Werke. Die anderen Automobilunternehmen, wie Renault und Peugeot, planen bedeutende Investitionen zum Ausbau und zur Verbilligung ihrer Produktion. Sie ist immer noch wesentlich teurer als die des Auslandes. Die Preisdifferenz beträgt im Durchschnitt gegenüber den deutschen Preisen 20 und gegenüber den britischen Preisen 15 v. H.

Frankreichs Autoindustrie ist für viele Monate hinaus vollbeschäftigt. Es gibt – selbst bei Exportaufträgen – oft bedeutende Lieferfristen. Trotz der Erhöhung des Benzinpreises hat sich übrigens die Nachfrage aus dem Inland nicht verringert. Im Gegenteil: Fachkreise erwarten, daß sich der Inlandabsatz noch wesentlich erhöhen wird. So bestreiten die bäuerlichen Bevölkerungskreise beim Kauf von neuen Wagen nur 6 v.H., während sie doch 22,5 v. H. der Gesamtbevölkerung bilden. Hingegen stellten die Arbeiter und die Angestellten beim Wagenkauf im Vorjahr je 8 v. H.

Im Wirtschaftsministerium ist man mit der gegenwärtigen Entwicklung dieses wichtigen Industriezweiges allerdings nicht ganz zufrieden. Man erklärt, die Autoindustrie müsse mehr und besser als bisher auf die Nachfrage aus dem Ausland reagieren, statt ihre gesamte Aufmerksamkeit auf den Inlandmarkt zu konzentrieren. Verschiedene Maßnahmen sollen eine Wendung der Entwicklung herbeiführen. So soll eine Beschränkung der Kreditverkäufe durch eine Erhöhung der Barzahlung beim Kaufabschluß und eine Verringerung der Kreditdauer sowie die Bewilligung von Preiserhöhungen die Bestellungen der französischen Interessen abbremsen. Der Mehrertrag aus dem Inlandverkauf zu erhöhten Preisen soll zur Preisreduktion für den Export verwendet werden, so daß dem Staat aus dieser Exportförderung keinerlei zusätzlichen Mehrkosten entstehen würden.