Unser Bonner Korrespondent reist zur Zeit durch Tunesien. Er befand sich gerade in der Hauptstadt des Landes, die voller Erwartung dem Eintreffen der algerischen Rebellenführer entgegensah, als diese auf dem Flugplatz in Algier verhaftet wurden. Er schildert im folgenden die verheerenden Folgen dieses unglücklichen Theatercoups für Frankreich, nein für das Ansehen ganz Europas in Nordafrika.

Tunis, im Oktober

Seit der Verhaftung der algerischen Rebellenführer hat sich die Lage in Tunesien rasch und bedrohlich verschärft. Jene Nachricht schlug wie ein Blitz in den Freudentaumel, den der Besuch des Sultans von Marokko ausgelöst hatte. Wild loderte der Haß gegen die Franzosen auf. „Aus einer Hochzeitsfeier ist, weil die Braut gestorben ist, ein Begräbnis geworden“, so charakterisierte ein überseeischer Diplomat den Stimmungsumschwung.

Sofort nach Bekanntwerden der Verhaftung wurde ein 24stündiger Generalstreik ausgerufen, bei dem es zu stürmischen antifranzösischen Kundgebungen kam. In der Hauptstadt mußte das tunesische Militär Wasserwerfer zum Schutze der französischen Botschaft einsetzen, in Gafsa, einer Stadt im Süden, wurde geschossen, in der Hafenstadt Sfax wurden im Europaviertel mehr als die Hälfte der Ladenschaufenster zertrümmert. Daraufhin zog Frankreich gegen den Willen der tunesischen Regierung Truppenverstärkungen aus Algerien ins Land. Man war offensichtlich um das Schicksal der französischen Siedler besorgt, denn die 40 000 im Lande stationierten französischen Soldaten können wohl jederzeit die militärische Lage völlig beherrschen, nicht aber jedem der weit verstreut wohnenden Siedler Schutz gewähren.

Die Konferenz mit dem Sultan von Marokko, an der die algerischen Rebellenführer hätten teilnehmen sollen, wurde sofort abgesagt. Der Sultan, durch Nachrichten über eine rasch wachsende antifranzösische Kriegsstimmung in seinem Lande (in dem in der vorigen Woche 50 Europäer getötet und 200 europäische Farmer überfallen wurden – Red.) beunruhigt, kehrte eilends nach Hause zurück.

Vorher hatten Marokko und Tunesien in einer Note an Frankreich die Freilassung der algerischen Rebellenführer verlangt. Diese Forderung blieb unbeantwortet. Die französische Regierung betrachtet die geplanten Verhandlungen mit den Rebellenführern als eine Einmischung in innerfranzösische Angelegenheiten und einen unfreundlichen Akt der beiden mit Frankreich eng verbundenen Länder. Auf der Konferenz sollte ein Vorschlag für eine Lösung des algerischen Problems erarbeitet werden.

In einer nächtlichen Pressekonferenz gab der tunesische Staatssekretär für das Informationswesen, Ben Jachmed, eine sehr pessimistische Darstellung der Lage. Frankreich scheine seine Nordafrikapolitik geändert zu haben, sagte er. Wenn es nicht zu einer friedlichen Lösung in Algerien komme, sei auf die Dauer auch die Unabhängigkeit von Tunesien und Marokko bedroht. „Frankreich hat uns getäuscht, und wir haben das Vertrauen zu ihm verloren“, resümierte er. Trotz dieser und anderer ähnlicher Erklärungen hat man den Eindruck, daß auf beiden Seiten versucht wird, eine Verschärfung der Lage und damit den Ausbruch offener Feindseligkeiten zu verhindern. Tunesien könnte unter den gegebenen Bedingungen höchstens einen Guerillakrieg führen, den es selbst mit sehr blutigen Verlusten bezahlen müßte. Damit wäre auch seine eben erst errungene, wenn auch noch eng begrenzte Unabhängigkeit (sie ist im Grunde nur eine Verwaltungsautonomie) wieder in Frage gestellt. Ministerpräsident Bourguiba, ein sehr maßvoller und nüchterner Mann, weiß, daß die Stunde für ein Spiel ums Ganze nicht günstig ist, weil das Interesse der Weltöffentlichkeit zur Zeit ganz auf Ungarn gerichtet ist und damit den Geschehnissen in Nordafrika im allgemeinen und in Tunesien im besonderen geringere Aufmerksamkeit geschenkt wird, als es unter anderen Umständen der Fall wäre. Fraglich ist allerdings, wie lange Bourguiba die aufgeregten Massen wird im Zaume halten können. Schon hat er durch seine maßvolle Politik einen Teil seiner Anhänger verloren. Radikale Elemente drängen zur Macht. Auch hier versucht der Osten Fuß zu fassen. Die repräsentativsten Stände auf der Ausstellung in Tunis waren die der Satellitenstaaten.