Den Hut ab vor jedem Verleger, der heute noch Erzählungen herausbringt. Besonders, wenn es sich um einen noch wenig bekannten, aber desto mehr zu beachtenden Vertreter der jüngeren Literatur handelt.

Hans Lipinsky-Gottersdorf: „Gesang des Abenteuers.“ Vandenhoeck u. Ruprecht, Göttingen; 84 S., 4,80 DM.

Der Titel ist unpassend. Er läßt nachgeahmte Klassik vermuten. Auch sind es keine Erzählungen, sondern eher Kurzgeschichten, da ihr Schwergewicht am Schluß liegt und fast einer Pointe gleichkommt. Die Sprache ist schlicht, kernig kann man sagen, und die Naturschilderungen sind würzig, sie haben Föhrencharakter. Von einem Schneesturm wird erzählt, der aus zwei jungen Taugenichtsen anständige Menschen macht, von einem biederen Fischer im Kriege, dessen Nächstenliebe ihn das Leben kostet, vom vergeblichen Kampf eines Arbeitslosen um seine Flußinsel, auf der er wohnt und die ihm das Wasser langsam wegschwemmt, und schließlich von einer Exekution, die nicht stattfindet, weil ein Kalb geboren wird.

Auf jeweils wenigen Seiten wird ein Schicksal umrissen, das einen Roman abgeben konnte. Da aber liegt der Haken: zuviel Geschehen auf zu engem Raum kann sich bisweilen als dürftig erweisen, es werden also nur Typen gegeben und keine Personen. Ein begabter Autor ohne Zweifel. Noch ein wenig mehr Ver-dichtung, und er kann sogar bedeutend werden. i. j.