Es scheint noch immer Stadtväter zu geben, die mit ungebrochenem Eifer danach streben, daß ihre Stadt das Gardemaß unter den Städten erreicht. Die Problematik des Ballungsraums ist ihnen zwar bekannt, ist aber infolge der kameralistischen Buchführung für sie nicht so eindrucksvoll, daß sie sich zu entscheidenden Handlungen veranlaßt sähen. In einem dicken Buch mit dem neuesten Rechenschaftsbericht der hannoverschen Verwaltung steht die gewiß nicht pessimistische oder gar seufzende Bemerkung: „Hannover gehört zu den Städten mit dem stärksten Zuzug im Bundesgebiet.“ Man liest weiter: „Rat und Verwaltung haben die Ansiedlung neuer Betriebe tatkräftig gefördert. Sie haben zu diesem Zweck nach dem Kriege ein besonderes Amt für Wirtschaftsförderung eingerichtet, das Unternehmen, die sich in Hannover niederlassen wollen, berät und unterstützt ... Insgesamt haben mehr als 2200 Betriebe in den letzten Jahren ihren Sitz nach Hannover verlegt oder hier einen Zweigbetrieb errichtet.“

Hannovers Wiederaufbau ist ohne Zweifel zu bewundern. Es ist auch für eine Großstadt wichtig, daß sie lebt, also wächst. Natürlich soll sie auf Wirtschaftsunternehmen anziehend wirken, damit die Menschen der Stadt Arbeit haben. Aber die Sache hat auch eine Kehrseite. Da steht nämlich in dem Rechenschaftsbericht, daß es in Hannover kaum noch einsatzfähige Arbeitslose gibt. Würde es nicht über 60 000 Pendler geben, müßte ein Teil der Wirtschaftskraft ungenutzt bleiben. „Die Stadt platzt aus den Nähten, da ihre Grundfläche verhältnismäßig klein ist.“ Auch das steht in dem Buch. 1939, also kurz vor Beginn des Krieges, waren 147 000 Wohnungen in Hannover vorhanden. Jetzt sind es wieder 136 000. Müßte nicht der Mangel an Wohnungen nahezu behoben sein? O ja, wenn eben nicht in der Stadt heute 70 000 Menschen mehr lebten als 1939. Das Kraftwerk für elektrische Energie leistete 1939 rund 45 000 Kilowatt. Diese Leistung mußte bis 1948 auf 60 000 kW erhöht werden. Auch das reichte nicht. 1952 wurde ein Aggregat von 8000 kW in Betrieb genommen. Ein Jahr später ein Hochdruck-Turbosatz mit 32 000 kW. Der Ausbau wurde 1954 mit einem weiteren Hochdruck-Turboaggregat fortgesetzt. Neue Anlagen sind im Bau. Die Wasserwerke stehen vor einer Leistungsgrenze: Spätestens 1958 sind alle technischen Möglichkeiten erschöpft. Wie drangvoll eng der Straßenverkehr geworden ist, braucht nicht erläutert zu werden. 70 Mill. DM hat die Stadt bereits seit 1948 hier investiert. Nach dem Mehrjahresprogramm sind aber noch fast 100 Mill. DM aufzubringen.

Zu dieser Kehrseite der Stadt gehört auch ein recht hoher Gewerbesteuerhebesatz. Kein Wunder bei solchen Aufgaben! Hannover ist nur ein Beispiel für viele Großstädte. Die neu angeworbenen Betriebe bringen dem Stadtsäckel sicher manche neue Million an Gewerbesteuer und den Stadtbewohnern viele Möglichkeiten der Arbeitsplatzwahl. Die Stadtväter sollten aber einmal eine richtige Bilanz aufmachen und die Aktiva den Passiva gegenüberstellen. Vielleicht würden sie sich dann entschließen, in der Anwerbung von Industrie etwas kürzer zu treten. Eine ungetrübte Freude ist jedenfalls auch das Gardemaß unter den Städten nicht mehr. –td