Von Wolf-Dietrich Schnurre

Grau

So war er also wiedergekommen; und die Unruhe, die in den Kranichen steckte, die sich nachts im Bruch unten zum Abflug versammelten, war auch in die Schafe gefahren; stundenlang drängten sie, die einfältigen Gesichter mit den unförmigen Schneckengehörnen witternd emporgereckt, gegen den Wind an, der den Brunftschrei des Hirsches und das gläserne Zirpen der ziehenden Weindrosseln mitbrachte, vergaßen zu fressen, preschten über das welkende Eichenlaub hin, und nur, wenn am Spätnachmittag der Sprühregen nachließ und die Dunstwand zerriß, verhielten sie kurz und scharrten zwischen den verblichenen Farnen nach Pilzen und verspäteten Trieben.

Es war die Zeit, da der Schafmann die Holunderflöte nur noch vom Mund nahm, wenn er die Schnapsflasche ansetzte; er trank sich Traurigkeit an; wie die Erde sich am Naß der schleifenden Wolken berauschte, besoff sich der Schafmann an der Monotonie seines Spiels. Und blieb ein Seelenwinkel unausgefüllt, tränkte er ihn mit Schnaps, bis seine Augen so rot geworden waren wie die Augen des Leithammels, so daß die Kinder ihm aus dem Weg gingen und die Hunde zu knurren anfingen, wenn sie ihn rochen.

Man sah ihn nicht oft; er trieb die Schafe erst in die Bucht, wenn es dämmerte, und hatte die blaßgesichtige Sonne die Nebelgardine des Morgens endlich durchstoßen, war die Holunderflöte des Schafmannes längst wieder am Bruch unten zu hören. Es gab sonst niemand im Dorf; dem die Schafe gehorcht hätten; daher schrieb man ihm übersinnliche Kräfte zu, und mehr als einmal war das Fenster des zweirädrigen Karrens, in dem er hauste, von Steinwürfen zertrümmert; denn auch wenn eine Kuh krepiert war, wurde der Schafmann beschuldigt. Doch das allein kann es nicht gewesen sein, was ihn trieb, sich zu erhängen. Nun, er hatte es getan. Die Schafe hatten sich unter ihm niedergelassen. Sie lagen reglos da und ohne wiederzukäuen. Es mußten Wagen kommen, auf die man sie auflud; selbst Stockschläge konnten sie nicht bewegen, sich zu erheben, und viele von ihnen haben noch viele Tage darauf jede Nahrung verweigert.

Die Nacht, die der Schafmann im Spritzenhaus, aufgebahrt lag, benutzten zwei Bäuerinnen, um in seinen Taschen nach der Holunderflöte zu suchen; sie waren fest überzeugt, ihm wohne ein. Zauber inne, und sie hatten Weihwasser mit, das sollte ihn unschädlich machen. Doch sie fanden die Flöte nicht; niemand hat sie gefunden. Aber Abend für Abend im Herbst konnte man sie von nun an im Bruch unten hören; und es heißt, wer sich der Monotonie ihres Liedes nicht verschließt, der bekomme Augen, so rot, wie sie der Leithammel hat und sterbe an Traurigkeit.

Gelb