In Nordrhein-Westfalen

B. S., Bonn, Ende Oktober

Im Bonner Wahllokal Museum König, wo einst in den bundesrepublikanischen Gründerjahren Karzler Adenauer residierte, wartete man letzten Sonntag vergebens auf den prominentesten Wähler der provisorischen Hauptstadt: Bundespräsident Theodor Heuss war durch Dienstgeschäfte in München aufgehalten und konnte seiner demokratischen Birgerpflicht nicht nachkommen. Oppositionsführer Erich Ollenhauer indessen ließ es sich nicht nehmen, trotz seiner bevorstehenden Ostasienreise schon zu früher Stunde – wie stets begleitet von Frau Martha – auf dem Bonner Venusberg seine Stimne abzugeben.

Zur gleichen Stunde wie der SPD-Chef wählte jenseits des Rheins, zehn Kilometer stromab, in seinem Heimatort Rhöndorf auch der Bundeskanzler. Wie so viele Rheinländer, hatte er an diesem Sonntagmorgen traditionell den Gang zur Wahlurne mit dem Gang zur Messe verknüpft und den Rest des angebrochenen Vormittags zusammen mit seinen beiden Söhnen Kaplan Paul und Student Georg zu einem Spaziergang unter dem Regenschirm in der heimischen Umgebung des Siebengebirges genutzt.

Der naßkalte Herbstregen fegte die winkligen Gassen der Hauptstadt leer, und in den Höhenzügen der nahegelegenen Eifel war sogar so viel Schnee gefallen, daß in Hellenthal im Kreis Schleiden die Wahlurne nur mit Hilfe der Amtsfeuerwehr auf Schneeketten an Ort und Stelle gebrach werden konnte. Nichts störte die friedfertige Atmosphäre der Gemeindewahlen in Nordrheir-Westfalen. Selbst ein nächtlicher Scherz, den sich erfindungsreiche Oppositionsgeister in Bonn eidacht hatten, vermochte die Gemüter nicht zu erregen: auf einem Wahlplakat der CDU, das einer siegreich die Wogen zerteilenden Dampfer „Mit Volldampf voraus“ zeigte, hatten unbekannte Hände in aller Stille mit Akkuratesse und rheinischem Humor auf den namenlosen Bug des Schiffes ein kleines Schild geklebt: „Andrea Doria.“

Nur eine winzige Episode, die sich in der Nähe Wesels ereignete, schien – wie sich später herausstellte – an diesem Sonntagmorgen eine Art Symbolik zu besitzen. Dort geriet in einem Wahllokal ein Kandidat der CDU mit einem politischen Parteifreund, der zugleich sein zivilrechtlicher Prozeßgegner ist, in einen ihn so erregenden Streit, daß er einen Nervenkollaps erlitt, aus dem Hause stürmte und in das eiskalte Wasser der fünfzig Meter entfernt vorbeifließenden Lippe sprang 400 Meter trieb er stromab, dann wurde er vor Polizeibeamten aus dem Wasser gefischt und in ein Krankenhaus transportiert.

In der Nacht zum Montag, als die Stimmen ausgezählt waren und die vorläufigen Endergebnisse vorlagen, wurde offenbar, daß die kalte Dusche, die dieser CDU-Kandidat am eigenen Leibe schon am Vormittag erlitten hatte, nun im übertragenen Sinne auf seine Partei herniedergegangen war.