Über eines besteht natürlich kein Zweifel: Unsere Sportler werden in Melbourne dabei sein. Ob auch wir dabei sein werden – darüber allerdings bestehen noch große Zweifel.

Als die Olympischen Spiele näherrückten, schlossen sich alle Wochenschau- und Fernsehgesellschaften Westeuropas, Kanadas und der USA zu einer Interessengemeinschaft zusammen und schickten Abgesandte in den fünften. Erdteil, die dort mit dem Olympischen Komitee die Voraussetzungen für eine reibungslose und umfassende Berichterstattung klären sollten. Was die Wochenschau- und Fernsehmanner in Melbourne nun zu hören bekamen, ließ sie wie elektrisiert von ihren Verhandlungsstühlen hochfahren: das australische Olympische Komitee habe alle Rechte der Berichterstattung schon an die englisch-amerikanische Filmagentur „Freemantle“ vergeben, und diese Firma sei bereit, den anderen Gesellschaften täglich je drei Minuten Filmmaterial zur Verfügung zu stellen. Drei Minuten! Und die nicht einmal nach eigener Wahl, so daß es einem Fernsehsender hätte passieren können, daß er seinen Zuschauern als Tagesbericht von der Olympiade nichts anderes vorzusetzen in der Lage gewesen wäre, als die ersten drei Minuten des 10 OOO-Meter-Laufes.

Hatte... So wie die Dinge jetzt liegen, wird er nämlich außer altem Archivmaterial möglicherweise gar nichts vorsetzen können. Der Interessengemeinschaft (in der die deutschen Fernsehsender korporativ durch die Union der Europäischen Rundfunkanstalten vertreten sind) erschien der Drei-Minuten-Vorschlag unannehmbar. Sie faßte einen Boykottbeschluß: Entweder freie oder gar keine Berichterstattung. Wenn sich die Australier nicht noch im letzten Augenblick eines Besseren besinnen, heißt es also: Keine westeuropäische, kanadische oder nordamerikanische Wochenschau- oder Fernsehkamera wird ihre Objektive auf Mel-Melbournes Kampfbahnen richten.

In den Programmbüros der deutschen Fernsehsender macht man aus dem Dilemma, in das man geraten ist, kein Hehl. Daß Australien nicht wie Finnland geographisch eben um die Ecke liegt und man daher mit einer Wartezeit von drei bis vier Tagen bis zum Eintreffen der Filmstreifen rechnen muß, ist schon ärgerlich genug. Jetzt aber – während die Programme mit den Übertragungsankündigungen schon ausgedruckt sind – weiß man noch nicht einmal, ob die Melbourner Olympioniken überhaupt jemals auf den Bildschirmen der Fernsehapparate erscheinen werden. H. G.