Von Paul Hühnerfeld

Wie gefährlich es ist, sich mit gegenwärtiger deutscher Literatur kritisch auseinanderzusetzen, das wurde in diesen Tagen wieder einmal klar: da hat der Lyriker und Essayist Hans Egon Holthusen ein Prosabuch (sein erstes!) geschrieben:

Hans Egon Holthusen: „Das Schiff. Aufzeichnungen eines Passagiers.“ R. Piper & Co. Verlag, München; 359 S., 15,80 DM,

und der Literaturkritiker Franz Schonauer hat in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung seiner nicht eben sehr hohen Meinung über dieses Werk deutlich Ausdruck gegeben. Und schon wird die Kritik Schonauers vom Verleger Holthusens, keinem Geringeren als dem ruhigen und besonnenen Klaus Piper im „Börsenblatt des deutschen Buchhandels“ ein „Pamphlet“ genannt, ein „tief beschämender Vorgang“, eine „literarische Totalabschlachtung“. Dabei hatte der Kritiker Schönauer nichts anderes getan, als – zugegebenermaßen mit einem gewissen Temperament – seine kritische Pflicht erfüllt. Klaus Piper, einer unserer profiliertesten Verleger, war schlecht beraten, als er dazu im gleichen Börsenblatt versuchte, den Buchhandel gegen die Buchkritik auszuspielen: gerade die literarisch hochwertigen Bücher des Piper Verlages sind in den letzten Jahren nicht selten durch gemeinsame Anstrengungen von Buchhändlern und Kritikern durchgesetzt worden. Um der arg lädierten deutschen Literatur von heute wieder auf die Beine zu helfen, bedarf es keiner Verdächtigungen, sondern des Vertrauens: solange man einem kritischen Leser nicht abnimmt, daß er ein Buch auch wirklich schlecht findet, wenn er das sagt (und statt dessen privaten Groll, dunkle Intrige dahinter vermutet) paralysiert man das literarische Leben. Nicht jedes Lob ist erkauft, nicht jeder Tadel eine Art Schwarzschlachtung in der Literatur.

Derart eingeschüchtert durch massive Invektiven eines Verlegers, der geschätzt wird, müssen auch wir nun zur Sache selbst, zu Hans Egon Holthusen und seinem Buch kommen. Holthusen hat sich einen großen Namen gemacht durch seine Essays „Der unbehauste Mensch“, durch Kritiken und kritische Feuilletons in der Münchner Zeitschrift „Merkur“, durch zahlreiche Vorträge in zahlreichen Groß- und Kleinstädten Deutschlands, durch seine Gedichte. Ja, man kann sagen, daß Holthusen der typische und beachtenswerteste Repräsentant seiner spezifisch modernen Seite des literarischen deutschen Lebens von heute ist. In unermüdlicher Geschäftigkeit lyrische und prosaische Diagnosen unseres Lebens stellend, von einer literarischen Bestandsaufnahme zur anderen eilend ist Holthusen in den Ruf eines Mannes gekommen, der mit einer gewissen ästhetischen Delikatesse einer sicherlich nicht immer delikaten Welt zu Leibe rückt (oder besser: sie sich vom Leibe hält). Weltanschaulich hin und her pendelnd zwischen salonfähiger Existenzphilosophie, moderner angloamerikanischer Lyrik und liebenswürdig versnobtem Nihilismus, dem allerdings – wen kann das in diesem Lande wundern – provinzielle Züge anhaften, übt er große Wirkung nicht nur auf seine Leser, sondern auch auf seine schreibendenKollegenaus: es gibt heute ein halbes Dutzend begabter junger Leute, deren Arbeiten ohne ihn nicht denkbar sind, es gibt literarische Zirkel (und sie sind weder ohne Einfluß, noch ohne Geld), die ihn auf ihren Schild gehoben haben. Von diesem Bezug aus muß man Holthusen und sein neues Buch sehen, wenn man beiden gerecht werden will.

„Das Schiff“ ist das Tagebuch einer Seereise von Amerika nach Europa, Tagebuch des deutschen Schriftstellers Hans über die Tage der Oberfahrt, über die Mitreisenden auf dem Schiff, über die Erinnerung an Amerika und die „Lage“ des modernen Menschen. Was Holthusen konzeptionell vorgeschwebt hat, wird bald deutlich: das Schiff und seine Menschen sollen Symbol werden für diese Erde und ihre Bewohner, für ihre Kontaktlosigkeit, Einsamkeit, für ihr Verlorensein. So wie die Passagiere des Schiffes für die Dauer der Reise abgeschlossen sind von der übrigen Welt, so sind wir alle stets abgeschlossen von Gott (oder wie man nun jene Macht nennen will, die vns halten sollte und von der wir uns stets so ins Leere hinausgestoßen fühlen). Ein zwar nicht neuer, aber doch schöner Gedanke: wohl wert, immer wiecer von einem Schriftsteller angepackt zu werden.

Holthusen führt uns auf das Schiff: stellt ins seine Mitreisenden vor, den Italiener Tonio, ein etwas halbseidener Clown ohne Bargeld, einen alten Amerikaner – und vor allem: viele amerikanische Teenagers, die nach Europa fahren. Eer erste Teil des Buches handelt zur Hauptsache davon, wie Tonio und Hans sich an die Mädchen heranmachen; und wenn sie sich einmal nicht dieser Tätigkeit hingeben, sprechen sie darüber, wie man sich heranmachen könnte. Dies Flirten geht in einer für erwachsene Leser. ein wenig befremdliche Weise vor sich, da man ihr jungenhafte Paisbäckigkeit wegen ihres literarischen Parfüms, weltmännische Grazie aber wegen ihres bestürzeid niedrigen Niveaus nicht zusprechen kann. So wird nach einem Gespräch zwischen Tonio und Hans über eine Dame, die „Ende zwanzig“ ist, „ein bischen mollig ... mit einem unbestimmten Zug ins Laszive“ von den beiden das Café des Schiffes besucht: „Der Platz wird auf Schleichwegen angegangen und im Handstreich genommen ... Tonio entwickelt nun seine Pläne. Es werden Namen genannt. Mercy, Joan ... Mercy? Sie werden sehen. Sie ist um den Bauch herum ein bißchen verunglückt ... aber sonst doch verdammt munter ..“ – Von einem anderen Mädchen behauptet der Italiener, sie sei „zweifellos das Bedeutendste, was hier an Bord geboten wird ... und ich hätte sie eigentlich schon bemerken müssen“. – Und Hans, der Schriftsteller, notiert: „Meine Erwiderung läßt auf sich warten, unausgesprochen kreist sie in sich selbst.“ – Lassen wir einen Augenblick außer acht, wie die Erwiderung solche Bewegung ausführen kann – sprechen wir nur über die Atmosphäre solcher Gedanken und Gespräche: sie haben etwas ausgesprochen Peinliches an sich und erinnern im günstigsten Falle an die Tanzstunde, wo die jungen Damen auch „angeschlichen“ wurden, im ungünstigsten an die Soldatenzeit, wo das Sexuelle infolge der Umstände oft Gesprächsthema werden konnte. Man verstehe mich nicht falsch: auch gegen die deutlichste Darstellung der Erotik ist in einem Buch nichts einzuwenden, wenn es thematisch notwendig ist. Aber dieses andauernde bezügliche Schwadronieren über Mädchen, ihre Beine und Hüften, hat etwas Unreifes – zumindest ist es nicht gerade sehr männlich.