Kurz vor Kottbus war es soweit. Der Zug hatte eine kleine Steigung zu überwinden. Das Gewicht der langen Wagenschlange war fast zuviel für die braunkohlengeheizte Lok. Sie sprühte Funken und kam kaum noch vom Fleck.

Wald säumte die Strecke. Schaller sah auf der linken Seite den breiten, leeren Bahnkörper, wo die Sowjets das zweite Gleis von den Schwellen gerissen hatten. Er war langsam, so als wolle er nur seine Kollegen besuchen, von Wagen zu Wagen und von Abteil zu Abteil nach hinten gegangen. Er hatte nichts als zwei harte Brötchen in der Tasche und das, was er auf dem Leibe trug. Auf alles andere mußte er verzichten, sollten die Iwans nicht mißtrauisch werden.

Er spürte, wie die Geschwindigkeit nachließ. Da ging er hinaus auf den Gang, verabschiedete sich von den Mitarbeitern, die er soeben besucht hatte, und tat, als habe er anderes zu verrichten, bevor er zurück in seinen Wagen ginge. Ohne zu zögern und äußerlich ruhig, wenn auch sein Herz ihm vor Erregung bis zum Halse klopfte, ging er an die Stelle, wo die Personenwagen mit den Güterwagen gekoppelt waren. Er fand keinen Wachsoldaten.

Er blickte den Gang entlang. Der war leer. Dann öffnete er vorsichtig die Waggontür. Er spürte den kalten, feuchten Hauch des Oktobertages. Vorsichtig trat er auf die erste Stufe und schloß die Waggontür hinter sich. Noch schenkte ihm die vorgezogene Seitenwand des Wagens Deckung. Unten sah er die Steine des Bahnkörpers vorübergleiten. Der Zug mochte mit zehn oder fünfzehn Stundenkilometern fahren. Aber jetzt fühlte er, wie die Geschwindigkeit zunahm. Er mußte springen!

Er sprang, stolperte, stürzte halb, raffte sich wieder auf und setzte mit langen Sprüngen über die leere Schotterfläche weg auf den Waldrand zu. Hinter sich hörte er das Fahrgeräusch des weitergleitenden und von Sekunde zu Sekunde schneller werdenden Zuges. Er atmete in hastigen Stößen und rannte und rannte. Er hatte den Waldrand noch nicht erreicht, da peitschten die ersten Schüsse hinter ihm her. Er rannte weiter. Querschläger pfiffen um seinen Kopf. Er warf sich in das nasse Gras und wartete darauf, daß der Zug halten und man ihn finden würde. Doch der Zug fuhr weiter. Schaller begann einen langen Marsch zurück nach Westen. Er ahnte damals noch nicht, daß dieser so gefahrvoll begonnene Weg sechs Monate später in Amerika enden würde.

Fünfzehn Minuten später hielt der Zug auf dem Rangierbahnhof Kottbus. Zwischen den Geleisen gab es eine erregte Diskussion der Russen über den Vorfall. Dann wurden alle Türen erneut verriegelt und die Fenster mußten verschlossen bleiben. Der Kommissar ging von Abteil zu Abteil und sagte: „Kamerad Schüller kaputt, wer Zug verrläßt auch kaputt...“

Der Bahnhof Kottbus war der erste Knotenpunkt im großen Verschleppungsplan. Auf den Nebengeleisen standen Zug um Zug, vollbeladen mit Wissenschaftlern, Forschern, Ingenieuren und deren Familien, daneben Güterwagen, offen und verschlossen, mit Demontagegut, mit ganzen Fabrikausrüstungen.