Es gibt kaum ein Volk in der Welt, das so wenige Freunde hat wie das deutsche. Viele unserer Landsleute verschließen gern die Augen vor dieser Tatsache, einige sind sogar noch stolz darauf („Sie mögen uns nicht, weil wir tüchtig sind!“). Wer jedoch viel reist, erlebt immer wieder Bestätigung gen für diese traurige Tatsache – Tatsachen aber soll man ins Auge blicken und sie nicht wegdiskutieren.

Und noch etwas: wir sollten die wenigen Freunde, die wir haben, hüten und pflegen. Jeder, der einmal längere Zeit in arabischen Ländern gereist ist, hat die geradezu überwältigende Gastfreundschaft erfahren, die hier den Deutschen entgegengebracht wird. Sie ist entwaffnend, diese Zuneigung von Menschen, die häufig nicht einmal wissen, wo eigentlich dieses Deutschland auf der Landkarte zu finden ist. Sobald ein Araber – gleich welchen Standes – erfährt, daß sein Gast ein Deutscher ist, wird er ihm jede Freundlichkeit erweisen, versucht er, ihm seine Wünsche von den Augen abzulesen – kurz, er wird die sprichwörtliche Höflichkeitsfloskel in die Tat umsetzen: „Mein Haus ist das Ihre!“

Die Welt ist kleiner geworden. Geschäftsleute, Politiker, Studenten aus Afrika und dem Nahen Osten kommen heute öfter nach Europa, als noch vor wenigen Jahren möglich war, und mancher Araber besucht die Heimat seiner Freunde, das Land der Deutschen.

Und dann geschieht. das für ihn Unverständliche: keiner kümmert sich um ihn, niemand nimmt Notiz oder auch nur Rücksicht auf ihn – niemand hilft dem fremden Gast. Vielleicht besitzt er die Adresse eines Deutschen, den er in Kairo, in Khartum oder an irgendeinem anderen Platz wochenlang als lieben Gast und Bruder in seinem Hause hielt, und glaubt damit eihen Schlüssel für Deutschland in der Tasche zu haben. Aber dann passiert ihm, daß dieser sich entschuldigt, weil er „unglücklicherweise ausgerechnet am nächsten Tag in einer unaufschiebbaren Angelegenheit verreisen muß!“ Unser Araber lernt im Land seiner Träume eine Welt kennen, in der jeder sich selbst der Nächste ist, in der die unmenschliche Jagd nach dem materiellen Vorteil Trumpf ist. Er wird oft nur dann beachtet, wenn er als Geschäftsmann Geld ins Land bringt – von anderen Geschäftsleuten, die an ihm verdienen wollen.

Aber das menschliche Erlebnis, das Gefühl Gleicher unter Gleichen und Freund unter Freunden zu sein, wird ihm nur selten zuteil. Ja, es kommt sogar vor, daß er seiner braunen Hautfarbe wegen brüskiert wird. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber in der Regel ist die Reise zum Land der Freunde für den Araber eine Enttäuschung.

Angesichts dieser Tatsachen ist es erstaunlich, daß wir immer noch die bestgelittenen Gäste der arabischen Länder sind. Aber wie lange wird dies noch eine Selbstverständlichkeit bleiben? Schon hört man allerlei Einschränkungen: „Ja, wenn alle Deutschen so wären wie Herr Soundso“, oder Urteile des Bedauerns von Arabern, die fanden, daß ihre Liebe in Deutschland nicht voll erwidert wurde: „In Frankreich, da waren die Leute nett zu uns, nicht so wenig liebenswürdig, wie bei Ihnen – es tut mir sehr leid, das sagen zu müssen!“

Mit der zunehmenden Reiselust, die unsere Landsleute heute über die obligate Italienreise hinaus auch in den Orient und nach Afrika gelangen läßt, mehren sich die Klagen bei den deutschen Gesandtschaften über überhebliches und verletzendes Benehmen deutscher Bürger in den arabischen Ländern. Noch darf man sagen – und man sagt es seinen muselmanischen Freunden immer wieder mit leiser, beschämter Stimme – „es sind Ausnahmen“. Aber was werden unsere treuen Freunde erst von uns denken, wenn eines Tages organisierte Reisegesellschaften über sie herfallen? Wenn mehr und mehr von ihnen selber nach Europa fahren, um uns in unserem eigenen Lande kennenzulernen?

Vielleicht ist es uns Deutschen nicht wie Franzosen, Italienern und anderen gegeben, über das Gefühl für persönliche Freundschaft hinaus zu wissen, was eine Freundschaft zwischen Völkern wert ist. Das deutsche Volk ist bedenklich unbeliebt in der Welt, seines eigensinnigen Charakters und seiner eigensinnigen Politik wegen. Wir sollten darauf bedacht sein, den letzten Kredit nicht durch bloße Unfreundlichkeit oder auch nur Unachtsamkeit zu verlieren. Dietrich Mummendey