Ein Porträt anläßlich des Erscheinens seines Gesamtwerkes

V'or mir, auf dem Schreibtisch, liegt eine Photographie: das Porträt eines Mannes, der ein dunkelgestreiftes Hemd und einen schwarzen Schlips trägt. Er hat lange zurückgekämmte Haare, Koteletten, einen englischen Schnurrbart und eine kräftige, breitrückige Nase. Seine Augen sind kalt und voll hochmütiger Erwartung, die Unterlippe ist fest und geschwungen, die obere Hälfte wird vom Dreieck des Bärtchens beschattet. Bei näherem Zusehen erweist sich das linke Auge, im Verhältnis zum rechten, als schmaler und flacher: das gibt dem Gesicht etwas von blinzelndem Lauern und überlegener Pose.

Der Mann auf der Photographie mag 30 Jahre alt sein, eher etwas älter, von Beruf vielleicht Artist oder Geiger. Vielleicht auch ein aus der Art geschlagener Nachfahr eines alten östlichen Geschlechts – seine Züge wirken slawisch, mongolisch – ein Esterhazy oder ein Baron aus Polen.

Nun, in Wahrheit ist der Mann auf der Photographie weder ein Geiger noch ein Graf, sondern einer der kühnsten und faszinierendsten Schriftsteller unserer Zeit. Sein Name ist Eugen Gottlob Winkler – ein Mann, zu dessen Schicksal es gehört, nacheinander gerühmt und vergessen, totgeschwiegen und von falschen Mythen auf den Thron gehoben, abgetan oder gefeiert zu werden.

Eugen Gottlob Winkler, dessen Werk in diesen Tagen dank der Initiative und des Mutes des Verlegers Günther Neske zum erstenmal als ein Ganzes erscheint,

Eugen Gottlob Winkler: „Werke.“ Bei Günther Neske in Pfullingen; 23,– DM,

wurde im Jahre 1912 in Zürich geboren. Er verlebte seine Jugendjahre in Schwaben, studierte in München bei Karl Vossler, promovierte mit einer Arbeit über französische Klassikeraufführungen zum Doktor der Philosophie, unternahm ausgedehnte Reisen nach Italien, Frankreich und der Schweiz, begann zu schreiben, gewann die Bewunderung und Anteilnahme eines kleinen Kreises von Freunden, aber auch den Haß der damals Mächtigen, denen er mit Worten offener Rebellion entgegentrat, würde verhaftet, wieder freigelassen, erkrankte an Leib und Seele, genaß mühsam, starb 24jährig am 28. Oktober 1936 ... ein Selbstmörder wie Pavese und Klaus Mann, einer jener vielen europäischen Intellektuellen, deren Denken zu genau, deren Beobachtung zu illusionslos und deren Intellekt zu unfehlbar war, als daß sie sich nicht an einem Punkt nach dem ganz anderen, dem Einfachen und Unkomplizierten, nach der brutalen Realität des Todes gesehnt hätten.