sen., Berlin

Der junge Mann in schwarzem Hemd und Nietenhose hebt die kühl schäumende Molle. Am feucht-saugenden Boden des Glases haftend, schwebt der Bierdeckel ein wenig mit empor, ehe er lautlos auf die Theke zurückfällt. Gelangweilt getrachtet der Durstige den Filz, entziffert die mahnende Frage: „Haben Sie schon getippt?“ Er hat. Dreht das Scheibchen herum. Liest: „Dem Kenner ist es längst vertraut, daß Schultheiß gute Biere braut.“ Ihm ist es vertraut. Aber nicht so wichtig. Hauptsache, er braucht nur fünfunddreißig Pfennig dafür zu bezahlen. In Ost. Das sind acht Pfennig West. Er muß dasselbe für eine Molle auch in West geben, hat hier also vier Biere für sein Geld, das er drüben verdient.

Hier – das ist im Erfrischungsraum des Zentralen Klubhauses der FDJ in Ostberlin, Klosterstraße. Man darf auch als Westberliner Zeche machen, ohne Vorzeigen des Ost-Personalausweises, der ansonsten bei jedem Kauf vorzuliegen hat. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.

Mit „Freundschaft“ begrüßen sich viele der Hinzukommenden. FDJ-Mitglieder, die sich zur Diskussion rüsten. Sie haben Jugendliche aus Westberlin zur Aussprache über das Problem der Halbstarken eingeladen. Man wechselt nach nebenan in den vorsorglich verkleinerten Saal; denn wie viele würden erscheinen?

Auf jeden Fall das Präsidium. Hans Modrow, Führer der FDJ Berlins, der unvermeidliche Professor Gerhart Eisler, einer vom Funk, einer von der SED. Etwa hundertzwanzig Jungen und Mädchen, unauffällig gekleidet, danach zu urteilen fast ausschließlich Ostberliner. Der angesprochene Personenkreis, die sogenannten Halbstarken aus dem anderen Sektor, erscheinen gruppenweise in letzter Minute. Unter den dreißig Knaben nur eine handroll Kostümierte. Sie werden belustigt, aber nicht bösartig angestarrt.

Der Techniker im Aufnahmewagen des Staatlichen Rundfunkkomitees auf der stillen, halbdunklen Klosterstraße schaltet das Tonbandgerät ein. Die Diskussion läuft zögernd an. Was gesagt wird, ist meist recht vernünftig. Berliner haben die Gabe, sich schon in jungen Jahren klar und deutlich auszudrücken. Das schließt Weitschweifigkeiten derer, die sich gern reden hören, nicht aus. Man einigt sich bald darauf, daß von der überwiegenden Mehrzahl der Begriff „Halbstarker“ als ungerecht und verallgemeinernd abgelehnt wird.

Ein Blonder verwahrt sich gegen Vorurteile, die auch bei FDJ-Führern herrschen: „Oft stoßen sie westdeutsche Freunde vor den Kopf. Ach, du hast Keilhosen und Nicki an, du bist ja westlich angehaucht. Haste Wilhelm Pieck gerne?“ Alles lacht beifällig, sogar das Präsidium. Der Ball wird aufgefangen. „Die engen Hosen ham doch nischt mit’n Charakter zu tun!“ Ein Mädchen bekrittelt die allzu modische Linie. Ein Junge aus Neukölln fragt: „Bist du aus’m Westsektor?“ – „Ja.“ – „Na, denn kannste mir leid tun.“ Von dort kommen und nichts Modernes lieben – das versteht er nicht.