K-a, Heidelberg

Fast eine Woche lang konnte man vor dem Heidelberger Haus, das in der Bergstraße die Nummer 99 trägt, eine Frau mit Klappstuhl auf der Straße sitzen sehen. Sie war in einen dicken Pelz gehüllt; ab und zu stärkte sie sich aus einer Thermosflasche mit warmem Tee. Hinter ihr, mit Wäscheklammern an den Zaun geklammert, stand auf einem Plakat zu lesen: „Deutsche Behörden und US-Army! Ich verlange sofort entschieden mein Haus. Bergstraße 99. Ich brauche es dringend! Alwine Moeslinger, Pianistin.“

Von Berufs wegen zwar daran gewöhnt, sich zu exponieren, mag es für Frau Moeslinger, eine über Deutschlands Greven hinaus bekannte Pianistin und Cembalistin, doch nicht ganz angenehm gewesen sein, tagelang bis zum Einbruch der Dunkelheit in dem unfreundlichen Oktoberwetter auszuhalten, von neugierigen Passanten angestaunt, von argwöhnischer Polizei beobachtet und von den amerikanischen Mietern des Hauses, denen sie, wann immer diese den Eingang des Hauses passierten, das Schild in englischer Sprache vor Augen hielt, „nicht gesehen“ zu werden.

Doch Frau Moeslinger ist, wie sie sagt, „der Geduldsfaden gerissen“. – „Seit mehr als zehn Jahren hat man mich zum Narren gehalten“, sagt sie. „All die Jahre, seit mein Haus beschlagnahmt ist, wurde ich immer wieder belogen, sobald die Sprache auf Freigabe kam, von deutschen Stellen belogen, von amerikanischen Stellen belogen. Nun ist es genug, ich will sofort und ohne Verzug mein Haus zurück!“

Sie hat eine ganze Reihe von halben Zusagen bekommen; sogar Präsident Eisenhower hat in einem persönlichen Schreiben Freunden der Musikerin, die in Kanada wohnen, zugesagt, daß „alles für sie getan wird“. Doch noch immer ist nichts geschehen.

Früher wurden in dem Haus, Bergstraße 99, die Proben des einstigen Heidelberger Kammerorchesters unter Wolfgang Fortner abgehalten; jetzt muß Frau Moeslinger dankbar sein, wenn sie als Untermieterin in ihrem Zimmer allein und pianissimo üben darf.

Am fünften Tage des Sitzstreiks teilte das Hauptquartier mit, daß Oberst Harriot, der amerikanische Befehlshaber im nordbadischen Bereich, den Oberbürgermeister von Heidelberg aufsuchen will, um mit ihm die Freigabe des Hauses zu besprechen. Frau Moeslinger hat auf Grund der Zusage, daß ihr Haus am 30. November freigegeben werden soll, ihren Sitzstreik abgebrochen. Die Freigabe weiterer beschlagnahmter Häuser in Heidelberg müsse noch zurückgestellt werden, bis die amerikanische Wohnsiedlung Patrick Henry Villäge, 5 km von Heidelberg entfernt, beziehbar ist. Das Staatliche Sonderbauamt teilte dazu mit, von 76 fertiggestellten Häusern seien von den Amerikanern 31 als nicht beziehbar zurückgewiesen, aber erst drei bezogen worden.