Paris, Ende Oktober

Trotz allem offiziösen Optimismus in Paris wird der Algerienkrieg allmählich zu einem Schrecken ohne Ende, wie einst der Krieg in Indochina. Das kidnapping der fünf algerischen Nationalisten kann ebenso fatale Folgen haben wie die Absetzung des Sultans von Marokko im Sommer 1953. Es könnte sehr wohl möglich sein, daß Frankreich einmal die Männer als Verhandlungspartner anerkennen muß, die es heute in Handschellen photographieren läßt.

Daß die französische Mannschaft des marokkanischen Flugzeugs, ohne Nötigung durch die französische Luftwaffe, sofort Algier anflog, hat in Tunesien und Marokko das Vertrauen in die zur Zusammenarbeit der im Land verbliebenen europäischen Kader aufs schwerste erschüttert. Der Sultan von Marokko und Ministerpräsident Bourgiba von Tunesien – als die letzten beiden Männer, welche ihre Völker noch zu einer Zusammenarbeit mit Frankreich auffordern konnten, ohne den Kontakt mit den fanatisierten Massen zu verlieren – sind bloßgestellt worden: Man hat ihnen ihre algerischen Gäste, auf die sie im Interesse einer Befriedung Nordafrikas mäßigend einwirken wollten, in kaltschnäuziger Weise entführt. Angesichts dieses Scherbenhaufens kann man sich nur noch fragen, wer nun wohl Frankreichs Erbe in Tunesien und Marokko antreten wird – Nasser, Rußland oder die USA?

Diese ganze Aktion, die politisch unabsehbare Folgen haben kann, ist genau wie die Sultansabsetzung von 1953 ohne Wissen des Ministerpräsidenten erfolgt. Guy Mollet hat lediglich nachträglich sanktioniert, was im Kreis um Algerienminister Lacoste ausgeheckt worden war.

Der heute 50 Jahre alte französische Ministerpräsident gehört zu jenen „Jungtürken“, die 1944/45 mit der Liberation aus den verschiedenen Parteien in die Führungspositionen nachgerück sind. Von der Brillanz der anderen prominenten Jungtürken, des etwas älteren Bidault und der fast gleichaltrigen Edgar Faure und Mendès-France, trennt ihn jedoch eine Welt. Unter diesen recht ausgeprägten Persönlichkeiten mit ihren Vorzügen und Schwächen ist Guy Mollet die undankbare Rolle des etwas farblosen Musterschülers zugefallen, eine Rolle, zu der er sich übrigens auch ausdrücklich selbst bekannt hat: Je suis regulier, sagte er, ich bin zuverlässig, gleichmäßig. Mit Recht hat man ihn mit Attlee Verglichen.

Wenn Guy Mollet seit September 1946 Generalsekretär der französischen sozialistischen Partei (SFIO) ist, so liegt das daran, daß man sich bei dem in dieser Partei herrschenden Chaos sich widersprechender Strömungen und Charaktere am ehesten auf diesen Funktionär par excellence einigen konnte. Ein anderer seiner so treffsicheren selbstkritischen Aussprüche lautet ja: „Ich bin ein Mann der Partei. Und ich bin nicht mehr als das.“ Doch gerade diese Identifizierung mit dem Apparat der Partei – der er seit 1921 angehört – hat Mollet eine gewisse Machtposition verschafft, um die ihn eigenwillige Einzelgänger, wie Bidault oder Mendes-France, beneiden mögen, denn auch in Frankreich beginnt der Apparat ein immer größeres Gewicht in der Politik zu bekommen.

Da angesichts der Blockierung der französischen Politik durch das Viertel der kommunistischen Wähler eine nationale Politik ohne die Sozialisten auf die Dauer nicht möglich ist, mußte Mollet früher oder später Ministerpräsident werden.