Solange die Berliner verhinderte Hauptstädtersind, freut es sie ehrlich, wenn das Vertrauen in die Zukunft ihrer Stadt unter anderem auch in repräsentativen Bauten zum Ausdruck kommt. Dieser Tage wurde offiziell der Grundstein zu einem schon begonnenen Bauwerk gelegt, das nach seiner Fertigstellung im Herbst nächsten Jahres zumindest in Europa einzigartig in Ausführung und Zweckbestimmung sein wird. Die eigens zu diesem Zweck gegründete Benjamin-Franklin-Stiftung wird mit ihrer Kongreßhalle am Rande des Tiergartens, wo einst „In den Zelten“ das alte Berlin seinen zeitgemäßen Treffpunkt hatte, einen Zweckbau errichten, der mit seinem großen Auditorium für 1200 Personen und sieben weiteren Konferenzsälen verschiedener Größe den Erfordernissen der modernen Metropole Rechnung trägt. Daß bei dieser Gelegenheit der letzte, bisher noch verwüstete Teil des Tiergartens endlich wieder ein ansprechendes Gesicht erhält, ist in unmittelbarer Nähe der Sektorengrenze von mehr als nur ästhetischem Wert. In unseren Tagen, da der Baukostenindex einen unaufhaltsamen Trend nach oben zu haben scheint, ist am Rande bemerkenswert, daß dieses gemeinsam von Amerikanern und Deutschen geplante, ausgeführte und finanzierte Werk noch im Rahmen des Voranschlags von 12 Mill. DM bleiben wird.

Fast gleichzeitig hat sich eine Gesellschaft konstituiert, die dem Trümmerdasein der Deutschlandhalle – mit einem Fassungsvermögen von 20 000 Menschen einst Europas größter Hallenbau – ein Ende bereiten will. Vorerst stehen 1,5 Mill. DM bereit, um den Wiederaufbau in Angriff zu nehmen, dessen Gesamtkosten auf mindestens sieben Mill. DM geschätzt werden. Es soll begründete Hoffnung bestehen, daß auch das derzeit noch fehlende Kapital aufgebracht werden wird. Gleichfalls in diesen Tagen war aus dem Handelsregister die Gründung einer GmbH mit einem Stammkapital von 2,5 Mill. DM ersichtlich, die den seit rund zwölf Jahren „obdachlosen“ Berliner Philharmonikern nach jahrelangem bürokratischem Streit ein Heim errichten wird.

Daß für solche und viele andere Zweckbauten, nicht zuletzt aber auch für die rund 20 000 Wohnungen, die alljährlich in Westberlin neu gebaut werden, eine öffentliche Verwaltungs- und Aufsichtsbehörde bestehen und untergebracht werden muß, werden selbst erbitterte Feinde solcher Instanzen kaum ernsthaft bestreiten. Und daß die Westberliner Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen auf längere Sicht in einem eigenen Neubau billiger untergebracht ist als in gemieteten Privaträumen, ist ja wohl glaubwürdig.

Man wird es der Berliner Bauverwaltung kaum verübeln dürfen, daß sie ihren neuen Amtssitz, den sie in diesen Tagen bezogen hat, nicht gerade als Muster für unansehnliche Behördenbauten hat errichten lassen. Bausenator Schwedler, selbst ein Baufachmann, hat im Sinne der Kostenersparnis dafür gesorgt, daß der achtzehngeschossige Bau von über 60 Meter Höhe mit „Berliner Tempo“ emporgewachsen ist. 12,3 Mill. DM waren für diesen ebenso zweckmäßigen wie schönen, aber keineswegs luxuriösen Bau erforderlich – ein Preis, den man wohl als angemessen bezeichnen muß.

Und doch hat dieser Bau einen „Schönheitsfehler“. Schon während seines Entstehens behaupteten böse Zungen, die 900 (!) Amtszimmer seien eigentlich recht knapp. Sie haben, wie sich jetzt beim Einzug der wackeren Bauverwalter herausgestellt hat, recht behalten: ein nicht näher bezeichneter Rest mußte wegen Raummangels draußen bleiben. Fragt sich da doch der steuerzahlende Durchschnittsbürger: Liegt hier ein Planungsfehler vor, was kein gutes Zeichen für die amtlichen Bauplaner wäre – oder ist vielleicht der amtliche Apparat mindestens um den draußengebliebenen Rest zu groß? Nun, bei so vielen akademisch gebildeten und des Rechnens hervorragend kundigen Amtspersonen, wie sie entsprechend der Natur der Sache in diesem von den Berlinern zärtlich „Beamtensilo“ genannten Bauwerk untergebracht sind, wird der Fehler sicher nicht bei den Menschen liegen. Und so ist es wohl auch: Wenn z. B. ein Westberliner Privatunternehmer bei der Errichtung öffentlicher Bauten mitwirken will, ist die Eintragung in das Unternehmer- und Lieferantenverzeichnis des Bausenators Voraussetzung für einen Auftrag. Das aber kann nur geschehen, wenn er alle halbe Jahr wieder ein Bukett von sieben verschiedenen amtlichen Bescheinigungen beibringt.

Diese Akten sind es halt, die den Menschen den Platz fortnehmen. Wie wäre es, wenn man endlich einmal einen hauptstadtwürdigen „Aktensilo“ errichten würde, Herr Bausenator? Dies allerdings nur für den Fall, daß es nicht gelingen sollte, der übernatürlichen Wachstumsfreudigkeit des Behördenapparats beizukommen... gns.