L., Berlin

Die bewegenden, aufregenden Ereignisse haben die Pankower Regierung vor die undankbare Aufgabe gestellt, die alten Antworten für ganz neue und unvorhergesehene Fragen zurechtzuschneidern. Ereignisse können erst dann zur Kenntnis genommen werden, wenn sie höheren Ortes dialektisch verdaut sind.

Die Redakteure der Zonenpresse sind dadurch wieder einmal in der wenig beneidenswerten Lage, auf Anweisungen warten zu müssen, bis die Tatsachen, die von Mund zu Mund gehen, auch für sie zu existieren anfangen. Die Rede Gomulkas, deren Abdruck eine Ostberliner Zeitung zunächst mit Beschlagnahme zu büßen hatte, ist inzwischen auch ostwahr geworden; noch nicht jedoch das Ausscheiden Rokossowskis aus dem polnischen Politbüro. Das dünne Nachrichtentröpfeln durch die Siebe der Zensur begründet Kaderchef Schirdewan etwas kläglich: man wolle nicht versuchen, „mit der Westpresse in einen Wettbewerb um die größte Nachrichtensensation zu treten“.

Im Pankower Spitzengremium bemüht man sich mit dem Mut der Verzweiflung, den Umschwung in Polen und die Aufstände in Ungarn, ja, die ganze Entstalinisierung zu bagatellisieren. „Regierungswechsel, nur weil es Mode ist, machen wir nicht mit“, erklärte Grotewohl. „Wir sind für Modekrankheiten völlig unempfindlich.“ Das stimmt möglicherweise – für Modekrankheiten.