Gr., Hamburg

Über die politischen und geographischen Verhältnisse in Südamerika können unsere Oberschüler oft ganz ordentlich Auskunft geben – aber die Frage, wo denn ungefähr Neustrelitz, wo Cottbus oder Plauen liegt, versetzt sie in völlige Sprachlosigkeit.“ Der das – mit viel Temperament und Überzeugungskraft – sagt, ist Leiter der „Gruppe junger Deutscher, die sich die Aufgabe gestellt hat, die westdeutsche Bevölkerung auf Unrecht und Gefahr ihrer Gleichgültigkeit gegenüber der Wiedervereinigung aufmerksam zu machen“. Diese tatkräftige kleine Gruppe, die zum 17. Juni die „Aktion der brennenden Grenze“ organisierte (Die ZEIT, 21. Juni 1956), hat jetzt eine neue Idee auf ihre Fahnen geschrieben: statt ins Weserbergland, statt wohl gar nach Holland oder Frankreich, sollen unsere westdeutschen Schulklassen in die sowjetische Besatzungszone fahren. „Wir können jenen Graben, der von Lübeck bis Hof unsere Heimat zerschneidet, nicht beseitigen, aber wir können ihn ignorieren.“

Dicht besetzt war der Hörsaal C der Universität. Lehrer und Schüler Hamburger Schulen saßen dort nebeneinander. Eine Studienrätin berichtete von einer Klassenreise nach Eisenach: „Es ist gar nicht so teuer, wie man denkt – und so gefährlich ist es auch nicht.“ Die Klasse hatte in der Eisenacher Oberschule Gelegenheit, sich den Unterricht mit anzuhören und dabei zu erfahren, wie „drüben“ gelernt und gelehrt wird.

Auch bei der Hamburger Schulbehörde beschäftigt man sich mit der Möglichkeit solcher Klassenreisen. „In diesem Jahr sind nur vier Klassen in die Zone gefahren, im nächsten werden es hoffentlich sehr viel mehr sein.“ Gedacht ist vor allem an einen Austausch von Schulklassen. Dadurch würden die finanziellen Schwierigkeiten verringert und der Kontakt noch sehr viel enger.

„Drüben“ – so erzählte die junge Lehrerin – „haben viele Leute eine ganz feste Vorstellung vom Westen: er ist a) kriegslüstern, b) kapitalistisch, c) reaktionär und d) dekadent. Da meine Mädchen weder einen kriegslüsternen, noch einen kapitalistischen, noch einen reaktionären, noch einen dekadenten Eindruck machten, kamen wir schnell ins Gespräch. Sehr schnell.“