London, im Oktober

Die Londoner Theatersaison erreichte vor einigen Tagen ihren ersten Höhepunkt: eine gewaltige Menge versperrte die Straße, in der das Comedy Theater liegt, und eine Fülle von Prominenz drängte sich an den Pressephotographen vorbei ins Foyer. Der Anlaß war die Erstaufführung einer neuen Fassung von Arthur Millers Drama A View from the Bridge im Beisein des Autors und seiner Frau – Marylin Monroe. Am nächsten Tage ergingen sich die Kritiker in Lobpreisungen über die Aufführung – und doch hatte diese Aufführung in den Augen des Gesetzes gar nicht stattgefunden – jedenfalls nicht öffentlich.

Wie kann ein Theaterabend von soviel Publizität begleitet werden und doch keine öffentliche Aufführung sein? Antwort: Dann, wenn die Aufführung von einem Verein veranstaltet wird und nur Mitglieder und deren Gäste Zutritt haben. Tatsächlich gehört das Comedy Theater seit einiger Zeit einem Verein: New Watergate Theatre Club genannt, der gegründet wurde, um es dem Londoner Publikum zu ermöglichen, zum Beispiel ein Stück wie das Arthur Millers zu sehen. Wozu braucht man dazu einen Klub? Um die Zensur zu umgehen und dem Lord-Kämmerer ein Schnippchen zu schlagen.

Der Puritanismus hat nämlich in England das Theater immer mit besonderem Argwohn verfolgt. Kaum ein Menschenalter nach dem Tode des großen Dramatikers Shakespeare schlossen die Puritaner, 1647, alle Theater und bestraften jeden Versuch, dieses Verbot zu umgehen, auf das strengste. 15 Jahre lang gab es in England überhaupt kein Theater. Erst nach der Rückkehr der Stuart-Könige, 1662, erteilte Charles II., der im Exil in Paris viel gutes Theater gesehen hatte, zwei Unternehmen die Lizenz, in Drury Lane und Covent Garden Schauspielhäuser zu eröffnen. Seither ist die Vergebung von Theaterlizenzen immer in den Händen eines Hofbeamten geblieben, dessen Aufgabe es war, als Zeremonienmeister für die Unterhaltung des Königs zu sorgen. Noch heute muß man beim Lord Chamberlain, dem Lord-Kämmerer, um die Erlaubnis einkommen, eine Schaubühne zu eröffnen. Und ihm müssen auch alle Stücke vorgelegt werden, und nur dann dürfen sie aufgeführt werden, wenn der Lord-Kämmerer, wie es im Gesetz heißt, „der Meinung ist, daß dies geschehen kann unter Wahrung guter Sitte, des Anstands und des öffentlichen Friedens“.

Seit jenes ehrwürdige Gesetz erlassen wurde, hat sich in der Welt viel geändert: neue Formen der Unterhaltung haben sich eingebürgert – viel sündhaftere vielleicht – Kino, Rundfunk, Fernsehen; auch die Meinung darüber, was zur Wahrung von guter Sitte und Anstand notwendig ist, hat sich geändert, aber der Lord-Kämmerer bleibt bei seinen alten Maßstäben. Niemand weiß genau, was alles automatisch zur Disqualifizierung eines Theaterstückes führt. Jedenfalls aber gehört die Nennung des Namen Gottes ebenso dazu wie die Erwähnung der Homosexualität.

Glücklicherweise bietet jedoch das Gesetz selbst die Handhabe zu seiner Umgehung, dem Lord-Kämmerer steht nur die Kontrolle über öffentliche Aufführungen zu. Was privat geschieht, geht keinen Beamten etwas an. Ein geschlossener Verein aber, ein Klub gilt als privat. Darum haben Theaterklubs in England immer eine große Rolle gespielt: Ibsen wurde zuerst von einem Theaterklub aufgeführt, viele der ersten Stücke von Shaw. Immer wieder, wenn solche Experimente gelungen waren, mußte sich die Zensur schließlich dem Druck der öffentlichen Meinung fügen.

Eigentlich ist das Ganze eine Fiktion: denn für einen kleinen Mitgliedsbeitrag (fünf bis zehn Schilling im Jahr) kann jeder Mitglied eines solchen Theaterklubs werden und dann für sich selbst und bis zu vier Gästen Eintrittskarten kaufen. Der Hauptunterschied zu einem normalen Theater besteht darin, daß die Theaterklubs auch an Sonntagen spielen dürfen, an denen „öffentliche“ Theateraufführungen noch immer streng verboten sind. Also läuft das Ganze schließlich nur auf englische Heuchelei hinaus? Theoretisch wohl, aber in der Praxis wird durch das Ritual der Mitgliederaufnahme vielleicht doch eine Art Siebung des Publikums ermöglicht.

Das Bewußtsein für Gleichgesinnte, halbprivat zu wirken, gibt den jungen Künstlern, die viele dieser Theater betreiben, das Gefühl, in vollster Freiheit experimentieren zu können. Die Londoner Theaterklubs, deren es immer ein halbes Dutzend oder mehr gibt, sind damit eine wertvolle Avantgarde. Hinter dem New Watergate Klub allerdings stehen nicht junge, experimentierfreudige Künstler, sondern die Elite und Prominenz des Londoner Theaterlebens: der Impressario Hugh Beaumont, der wohl der Regisseur Theaterunternehmer Londons ist, der Regisseur Peter anderen Arthur Miller Dieses und eine Reihe von anderen Prominenten. Dieses Unternehmen versucht der Ungeduld und Unzufriedenheit dieser Kreise Ausdruck zu verleihen, die durch die antiquierten Zensurvorschriften um das Vergnügen gebracht werden, einige der interessantesten amerikanischen und französischen Kritiker unserer Zeit zu sehen. Regisseure und Kritiker haben in der letzten Zeit in der Öffentlichkeit eine energische Kampagne dagegen geführt, daß ein Hofbeamter die Gewalt hat, ohne jede Rechtfertigung auf Grund völlig altmodischer Moralbegriffe ernste Dichtungen totzuschweigen, während gleichzeitig die vulgärsten und anzüglichsten Revuen über die Bretter gehen dürfen. Man spricht von einem Plan, den Lord-Kämmerer durch eine Selbstkontrolle der Theaterleute zu ersetzen, wie dies bereits mit Erfolg für den Film in England geschieht. Bei der Langlebigkeit alter Institutionen in England und der Abneigung gegen die Abschaffung ehrwürdiger Traditionen ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß diesen Bemühungen Erfolg beschieden sein wird. John Lynne