A. K. Budapest, im Oktober

Am 25. Oktober veröffentlichten alle Moskauer Zeitungen die 84 Parolen, die vom Zentralkomitee der sowjetischen kommunistischen Partei zum 39. Jahrestag der „Oktober-Revolution“ herausgegeben wurden. Die zehnte Parole lautet:

„Brüderlichen Gruß den Werktätigen der Ungarischen Volksrepublik, die selbstverleugnend für die weitere Hebung der Volkswirtschaft und der Kultur, für die unentwegte Erhöhung des Volkswohlstandes, für den Frieden und den Aufbau des Sozialismus kämpfen! Es lebe die unerschütterliche Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen dem sowjetischen und ungarischen Volke!“

Als dieser Gruß und Aufruf in der sowjetischen Presse erschien, stand ein bedeutender Teil der Adressaten bereits seit über 24 Stunden in offenem Freiheitskampf gegen ihre moskowitischen „Brüder und Freunde“.

Wie kam es zu diesem heldenhaften Aufstand der Ungarn? Das Land und besonders seine Hauptstadt befanden sich schon seit Juni im Zustand einer geistigen Revolution. Die Formel aus den beiden Abkommen Belgrads mit Moskau und aus dem politischen Beschluß des XX. Parteikongresses über das Recht des „eigenen Weges zum Sozialismus“ entfachten eine lebhafte Diskussion. Die Gärung entlud sich zum ersten Male am Vorabend des Arbeiteraufstandes von Posen in einer Massenversammlung des sog. „Petöfi-Kreises“ der kommunistischen Jugend, wo eine radikale Abrechnung mit dem stalinistischen Rakosi-Regime gefordert wurde. Drei Wochen später mußte Rakosi verschwinden. Er wurde jedoch mit Ernö Gerö, einem anderen „Moskowiter“ (Moskowiter nennen die Ungarn jene Kommunistenführer, die in der Sowjetunion als Emigranten lebten) ersetzt. Dies empfanden die liberal eingestellten Intellektuellen und die „Titoisten“ als Herausforderung. Unter der Führung des im vergangenen November aus der Partei ausgeschlossenen vormaligen Ministerpräsidenten Imre Nagy forderten sie immer energischer die völlige Beseitigung aller Stalinisten.

Daß es Chruschtschow gelang, Tito mit Gero auf der Krim zusammenzubringen, ja sogar den Marschall zu überreden, Gero an der Spitze einer offiziellen Parteidelegation in Belgrad zu empfangen, war Öl aufs Feuer der ungarischen Anti-Stalinisten. Von da an setzten sie ihre Hoffnung nicht mehr auf Belgrad, sondern auf Warschau, von wo am 20. Oktober die Kunde kam, daß Gomulka sich gegen Chruschtschow, Molotow, Kaganowitsch und Mikojan durchsetzen konnte. Die Schlappe, die die sowjetischen Führer in Warschau einstecken mußten, begeisterte und ermunterte auch die ungarischen Nationalkommunisten.

Am 23. Oktober kehrte Gero siegesbewußt aus Belgrad zurück. Am gleichen Tag demonstrierte eine unermeßliche Menge vor der polnischen Botschaft und später vor dem Standbild des polnischen Generals Joseph Bern (Bern war einer der erfolgreichsten Heerführer des im Sommer 1849 durch die russische Armee unterdrückten ungarischen Freiheitskrieges) und im ganzen Zentrum von Budapest. Die Losung der Demonstranten war: „Nieder mit den Stalinisten! Hinaus mit den Russen und ihren verräterischen Handlangern! Nieder mit Gerö, wir wollen Nagy!“ Inmitten dieser erhitzten Stimmung hielt Gero am Abend des 23. Oktober eine Rundfunkrede, die das Maß der stalinistischen Torheiten voll machen und das Signal zum Volksaufstand geben sollte. Gero sagte: