Einige Jahre lang befaßten sich öffentliche Diskussionen mit den Theatersubventionen. Jetzt ist die Kritik dran. Daß sie mindestens als fragwürdig empfunden wird, bestätigt, daß Kritik wieder wirksam wird. Sie verzeichnet augenblicklich sogar eine Steigerung ihres Kurswertes, obwohl Kritik beunruhigt. Was ihr am meisten vorgehalten wird, das ist die Uneinigkeit der Kritiker. Wenn dasselbe Werk von dem einen positiv, vom anderen negativ bewertet wird, führt sich damit die Kritik nicht selbst ad absurdum? Was soll ein Leser von den einander widersprechenden Kritiken für wahr halten? Ein Hauptkennzeichen der Kritik scheint ihr Widerspruch in sich selbst zu sein.

Dieser Eindruck bestätigt, daß die Kritik mit Recht „zur Diskussion“ gestellt wird. Wäre nämlich kritische Haltung selbstverständlich – man würde Meinungsverschiedenheit nicht als einen Beweis der Unwahrheit, sondern als Ausdruck des Suchens nach Wahrheit bewerten.

Nehmen wir als Beispiel eine Theaterkritik. Manche Bühnen sind dazu übergegangen, in ihren Programmheften die Presseresonanz auszuwerten, und zwar so, daß zu den einzelnen Gegenständen der Kritik – Werk, Regie, Bühnenbild und Spiel – die Urteile verschiedener Rezensenten nebeneinandergestellt werden. Dabei ergibt sich fast regelmäßig, daß sowohl in der Plus- wie in der Minusspalte Eintragungen stehen. Die harmloseste Art der „Auswertung“ ist die Addition der Plus- und der Minuspunkte. Überwiegen die Pluspunkte, darf sich das Theater „Erfolg“ errechnen.

Solche grobe Statistik, die kritische Meinungen zur Werbung ausschlachtet, läßt dennoch, beim Leser die Frage offen: Was aber ist wahr? Mehrheit dient zwar als Richtschnur für das Handeln; doch ist, was Erfolg hat, nicht immer auch das Beste, das Wahre. Dem Leser von Kritiken bleibt nichts übrig, als kritisch gegenüber der Kritik zu sein.

Das Wort bedeutet nicht, was man ihm so gern unterstellt: Verneinung. Es heißt: Unterscheidung, Untersuchung, Urteil. Kritik ist kein „Lesestoff“ und nur zu einem Teil „Information“. Kritik setzt vor allem Teilnahme des Kritikers und auch des Lesers an der Sache selbst voraus. Wer eine Kritik als Evangelium liest, entwertet beide: den Gegenstand und seine Kritik. Das Kunstwerk, gleichgültig welcher Art, fordert als Partner das Publikum. Kritik nun, die sich in Organen der öffentlichen Meinungsbildung dazwischenschaltet, ist Vermittlung, nicht Selbstzweck. Kritik will erklären, will aufhellen und den Zugang zum Kern des Gegenstandes erleichtern. Das setzt bei den Lesern von Kritiken die Bereitschaft voraus, sich eine eigene Meinung zu bilden, anstatt eine fremde blind zu übernehmen. Dazu ist die Teilnahme an der Sache selbst, an einer Aufführung, einer Ausstellung, die Lektüre eines Buches, unerläßlich. Je stärker der Wille zur Kunst, ist, desto tiefer auch die Wirkung der Kritik. Je vielfältiger die Urteile, je unterschiedlicher die Wertung, desto reichhaltiger wird das „Material zur eigenen Urteilsbildung“, desto fruchtbarer die öffentliche Kritik. Eins freilich bleibt unabdingbar: Leser, die nicht glauben, sondern selber vergleichen, die nicht ein Urteil für die Sache selbst nehmen, die auf jeden Fall eine Aufführung, eine Ausstellung besuchen, auch wenn’s von „Verrissen“ wimmelte

An solcher Bereitschaft fehlt es. Man mißbraucht die Kritik als Rezept. Ein Lob gilt als Empfehlung – „das muß man gesehen haben“; ein Tadel als Hemmung: „dann spare ich mein Geld“, Solche Haltung des Publikums macht kritische Federn stumpf oder – zu Päpsten, zu Diktatoren von Erfolg und Mißerfolg. Von einer scharf zwischen gut und schlecht unterscheidenden Kritik ist – eine Verwirrung der Öffentlichkeit nur dort zu fürchten, wo Einheitlichkeit der Meinung erwünscht ist: im Totalitarismus. In der deutschen Sowjetzone zum Beispiel werden Unterschiede in der Theaterkritik als so peinlich empfunden, daß man versucht, durch ein Kritikerkollektiv verschiedene Ansichten vor der Niederschrift auszugleichen. Im Gegensatz zu solcher „Führung“ meinen wir: Je vielstimmiger der kritische Meinungschor ist, desto größer auch die demokratische Chance, daß die Wahrheit zur Geltung kommt. Das Richtige läßt sich nicht aus einer Mehrzahl errechnen; denn Verstand ist oft bei wenigen nur. Aber eine freie Kritik gibt jedem, der erkennen will, die Möglichkeit, jene einzige Stimme herauszuhören, die das wahre Wort gefunden. Johannes Jacobi