Das große Musikersterben, das seit Jahren die Reihen der deutschen Hochprominenz in erschreckender Weise vorzeitig lichtet, hat ein neues Opfer ereilt: Walter Gieseking, unter unseren Meistern des Klaviers der Meister insbesondere, ist, anderthalb Wochen vor seinem 61. Geburtstag, in London gestorben. Ein Jahr etwa zuvor war er dem Tode schon einmal begegnet, bei jenem Autobusunfall, der ihm seine Lebensgefährtin raubte und ihn selbst für mehrere Wochen aufs Krankenlager warf. Der Verlust dieses Künstlers trifft das internationale Musikleben besonders schwer; denn das so viel mißbrauchte Prädikat „einzigartig“ traf auf seine pianistische Kunst zu.

Einzigartig war schon allein Giesekings phänomenales Musikgedächtnis. Er hat selbst in einer Broschüre über die „Methode Leimert“ (Leimert war sein Lehrer) das Geheimnis seiner Gedächtnisleistungen preisgegeben – aber eben doch nur die Technik des Trainings. Seine beispiellose Begabung in dieser Richtung war angeboren. Hans Pfitzner erzählte gern und oft mit immer wieder neuer Bewunderung, wie er einst vor der Uraufführung seines Klavierkonzerts die Partitur an Gieseking schickte, die ihn erst am Tage vor der Abreise in Zürich erreichte. Während der Nachtfahrt von Zürich nach Dresden lernte Gieseking den ungeheuer schwierigen Klavierpart lesend auswendig und spielte ihn am nächsten Vormittag in Dresden fehlerlos – souverän.

Aber noch bewunderungswürdiger war sein eminentes pianistisches Können und seine musikalische Ausdruckskultur. Kaum ein anderer seines Faches vereinigte in so vollendeter Art höchste technische Exaktheit mit reichster Farbigkeit des Anschlags. Und wenige waren je so universell wie er, der als staunenerregender Spezialist für Debussy und Ravel begann und sich sämtliche anderen Provinzen der Klavierliteratur, alle mit gleicher stilistischer Treffsicherheit, erst auf der Basis dieses Spezialruhmes eroberte. Ein Unikum auch in der Vereinigung kühler Geistigkeit mit musikantischemotionellem Temperament.

Die Welt ist wieder um einen unverwechselbaren Klang ärmer geworden. A-th