Während in der ganzen Welt die Textilindustrie auch im Jahre 1956 unter sich verstärkenden Schrumpfungserscheinungen zu leiden hatte, die durch die steigende Eigenversorgung, ja sogar Konkurrenz bisheriger Versorgungs- und Rohstoffgebiete entstanden ist, hat sich die westdeutsche Textilindustrie verhältnismäßig gut behauptet. Sie konnte immer noch auf eine, wenn auch kleine Zuwachsrate von rund 4 v. H. blicken, hat allerdings an ihrer Produktions- und Beschäftigungslage keine reine Freude gehabt, da die Behauptung nur unter äußerst gedrückten Preisen und Verdienstspannen möglich war. Mit Ausnahme der Streichgarnweberei, wo einzelne Zusammenbrüche durch die Dumping-Konkurrenz „Pratos“ eintraten, ist heute die typische Insolvenzursache in der Textilindustrie trotz Vollbeschäftigung im Substanzverzehr auf Grund zu niedriger Preise zu suchen.

Unter diesen Umständen ist jede weitere Wettbewerbsverschärfung bedenklich. Deshalb wird den neuen Interzonenhandelsvereinbarungen allergrößte Bedeutung beigemessen. Es darf schließlich nicht vergessen werden, daß die Teilung Deutschlands große und wichtige Schwerpunkte auf textilem Gebiet jenseits des Eisernen Vorhangs beließ. Die überwiegende Zahl der Wollwebereien, fast 90 v. H. der Feinstrumpfwirkerei, 88 v. H. der Damenoberbekleidung domizilierten 1945 auf dem Gebiet der heutigen Sowjetzone. Von dort geht bis jetzt, von Ausnahmen (Gardinen, Wirkerei) abgesehen, kein besonderer Marktdruck aus, weil die Einfuhren im bisherigen Interzonenhandelsabkommen durch autonom von der Bundesrepublik festgesetzte Kontingente begrenzt wurden. Man hat zwar hier im Laufe der Zeit eine gewisse Großzügigkeit walten lassen, so daß sich von 1951 bis 1955 die textilen Einfuhren mehr als verdreifachten – sie stiegen von 23 auf 75 Mill. Verrechnungseinheiten –, aber der Forderung der Pankower Verhandlungspartner auf vollkommene Freigabe wurde nicht nachgegeben.

Warum fürchtet nun Westdeutschland das „rote Tuch?“ Schließlich weiß jedermann, daß es den qualitativen und modischen Ansprüchen des Westens kaum genügt. Die Erklärung ist einfach und ist mit einem Blick in den Jahreshaushalt der Sowjetzone zu erläutern. Pankow hat seit langem ein sogenanntes Differenzkonto, den Sonderposten „Preisausgleich für den Außenhandel“; Dieses Differenzkonto war 1951 schon mit 1,5 Mrd. Ostmark ausgestattet und wurde bis 1955 auf die beachtliche Höhe von 3,8 Mrd. DM Ost gesteigert. Dieser Betrag stellt den Unterschied dar, der sich aus der Verrechnung von Subventionen für Ausfuhrgüter aus der Sowjetzone mit den im Verkauf preisverteuerten Einfuhrgütern ergibt, umfaßt allerdings noch nicht sämtliche Exportzuschüsse, die wahrscheinlich noch wesentlich über diesem Betrag liegen. Hierin liegt auch die Erklärung für das Handelsprinzip der DDR, Preisangebote ausschließlich durch die DIA, die staatliche Ein- und Ausfuhrgesellschaft, zu geben und jede private Preisangabe, auch wenn direkte Angebote gemacht und bemustert werden, strengstens zu verbieten. Mit dieser Verrechnungstechnik kann nämlich ein von der DIA auftragsgemäß kopierter Wollstoff, der nach Westkalkulation Rohstoffe und Lohnkosten von mehr als 8 DM enthält, ohne weiteres für 3,73 DM angeboten werden. Die Differenz von 4,27 DM wird entweder in Form von verbilligten Materiallieferungen oder Direktzuschüssen an den Produzenten zurückvergütet.

Eine Aufhebung der Kontingente – ähnliche Manipulationen werden auch bei Glas, Keramik und sonstige gewerbliche Konsumgüter beobachtet – kann also nicht verantwortet werden, weil diese politischen Preise von der freien Wirtschaft nicht ausgeglichen werden können. In Westdeutschland gibt es keine Subventionen wie im staatlich dirigierten Wirtschaftssystem des Ostens. In- und Auslandspreise der Produzenten bewegen sich in annähernd gleichem Rahmen.

Sicher hat Pankow nicht ganz unrecht, wenn es sich über westdeutsche bürokratische Hemmnisse beklagt. Die Verrechnung wird zweifellos kompliziert durch Kontingente, Nachträge, Listen, Überhänge, Nachtragsquoten usw. Solange aber keine freie Konkurrenz besteht, bei der jeder Geschäftspartner mit echten Material- und Lohnkosten und einem normalen Abschreibungssatz rechnet, ist ein Schutz nur durch einen staatlichen Riegel an der Grenze möglich. Auch dürfte es utopisch sein, durch ein Nachgeben auf diesem Gebiet die, DDR von ihren Lieferverpflichtungen in den Ostblock (z. B. bei Braunkohle) zu befreien. Für den Ostblock ist die Interzonenhandelsoffensive, ganz gleich zu welchen Preisen, ein Teilstück seiner politischstrategisch bestimmten Handelspolitik. So kann es nicht als Zufall angesehen werden, wenn jetzt die Tschechoslowakei in den Handelsvertragsverhandlungen verlangt, daß die Transitkosten für den Warenverkehr zwischen Hamburg und Prag mit Textilien bezahlt werden sollen. Man drängt eben von allen Seiten mit geballter Macht. Der Gradmesser für das Funktionieren der Wettbewerbswirtschaft aber ist und bleibt der Preis; er ist das Thermometer des Wettbewerbs, aber auch seine Fieberkurve. Übertemperatur ist genau so schädlich wie eine Unterkühlung. Beides zeigt kranke Stellen an. Die Funktionsfähigkeit dieses Preisthermometers darf auch durch den Interzonenhandel nicht außer Kraft gesetzt werden. E. Bissinger