Bei der Lektüre von historischen Werken, besonders von Biographien bedeutender Persönlichkeiten, wird man die sogenannte Objektivität des Autors von vornherein in Zweifel ziehen und nach der Wahrheit des Bildes suchen, das er uns gibt. So ist der erste Napoleon natürlich immer sehr verschiedenartig dargestellt worden. Schon die Zeitgenossen haben ihn entweder als Halbgott, Helden, Feldherrn, Vollender oder Zerstörer der Revolution bewundert oder als Despoten, Unterdrücker fremder Völker, ja als Teufel und Antichrist gehaßt. Wenn auch der Abstand von ihm und seiner Zeit hätte ausreichen können, ihn den Meinungen der Parteien zu entziehen, so haben doch die bewegten und kriegerischen Jahre unseres Jahrhunderts das schwankende Bild, das wir von ihm haben, noch nicht befestigt. Auch das Buch, das wir heute mit Vergnügen anzeigen,

Friedrich Sieburg: „Napoleon.“ Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 441 S., 16,80 DM

ist in dieser Hinsicht nur ein einseitiger Beitrag, da es das Gewicht auf die Persönlichkeit Napoleons legt, keineswegs etwa auf Kräfte, die ihn getragen und die er repräsentiert hat, oder auch auf gesellschaftliche Faktoren, deren Exponent er gewesen sein könnte. Dem liegt selbstverständlich eine von Sieburg nicht ausdrücklich ausgesprochene Ansicht zugrunde, die man vielleicht in Jacob Burckhardts „weltgeschichtlichen Betrachtungen“ im Kapitel über die historische Größe in dem schönen Satz ausgesagt findet: „Für den denkenden Menschen ist gegenüber der ganzen bisher abgelaufenen Weltgeschichte das Offenhalten des Geistes für jede Größe eine der wenigen sicheren Bedingungen des höheren geistigen Glückes.“ Hiervor verstummt gänzlich die Frage: „Ja, warum gerade Napoleon?“ Wollte man sie aber aufrechterhalten, dann wäre sie aufs schnellste mit dem von Sieburg als Grundzug für Napoleons Charakter statuierten Individualismus beantwortet. „Er wollte sich. Er wollte seine Persönlichkeit vollenden, er wollte seinem schöpferischen Drang Genüge tun, sein Ziel war er selbst.“ Und wollte man die Antwort noch deutlicher haben, so gibt sie Sieburg sehr konsequent damit, daß er das Scheitern Napoleons mit dem Nachlassen dieses einer ganzen Welt entgegengesetzten Selbstvertrauens begründet. Nach der Rückkehr von Elba steht es mit Napoleon nach Sieburg so: „Niemals wurde der große Mann so kräftig von einer aus den Tiefen des Volkes aufsteigenden Welle hochgetragen wie jetzt, aber niemals vorher war er so wenig Herr der Welle oder gar ihr Erzeuger.“

Von diesen „Hundert Tagen“, von der Rückkehr aus Elba bis zur Niederlage bei Waterloo handelt Sieburgs Napoleon-Buch. Aber es rafft in diese Zeit das ganze Zeitalter hinein, das mit der Französischen Revolution begann und Napoleon in die Höhe trug – einen Nichtfranzosen aus Korsika, einen jungen Offizier, dessen militärische Talente Gönner fanden, dem ein Zauber auf seine Untergebenen zum schnellen Aufstieg verhilft: General, Erster Konsul, Kaiser. Sieburg dämonisiert ihn nicht. Er läßt ihn – in seiner gern steigernden Diktion – den „klügsten Mann der Welt“ sein: „Sein Verstand ist seine einzige Hilfsquelle, aber es ist die größte, die je einem Sterblichen zur Verfügung stand.“ Sieburg steht diese Art französierenden Stils gut, die ihn befähigt, in der Bewunderung kalt zu bleiben und doch den Leser mitzureißen und gewisse Grenzen des Geschmacks nicht zu überschreiten, wenn er – zumal in den lyrischen Partien, in denen Josephine eine Rolle spielt – nach den „Gründlingen im Parterre“ schielt. Die Einsichten und Erfahrungen unserer letzten Jahrzehnte sind klug dem spannungsreichen Text belebend eingewoben.

Der Autor beherrscht seine Materie wie kein zweiter, er weiß, wem er mehr, wem er weniger schuldet, und kann darum vielen gerecht sein. Dieses Porträt Napoleons, auf den Grundzügen beruhend, die wir oben genannt haben, bestätigt sich in dem vielerlei anekdotischen Beiwerk, das jeweils an seiner Stelle eingefügt ist, und wäre ohne das Kapitel „Der Nachruhm“ aus einem Guß. Sieburg hat dieses wahrscheinlich für nötig gehalten, um nochmals gegen die Dämonisierung seines Helden zugunsten einer „normalen“ Beschreibung Einspruch zu erheben. Man wundert sich nur darüber, daß er hier zuweilen des Guten zuviel tut. Bei der Verteidigung des „Memorial von St. Helena“ sagt er zum Beispiel, es sei nicht nur nicht eine Quelle zweiten Ranges, sondern mehr als eine Quelle. Bei der Bewertung der Briefe Napoleons behauptet er, sie seien keine Quelle, sondern ein Strom. Aber solche Sinnverschiebungen, Blüten eines emphatischen Stils, seien nur nebenbei bemerkt. So darf man Sieburgs Buch wohl im ganzen charakterisieren: Es ist ein großes Kunstwerk der Gattung des historischen Porträts, das nicht nur vom Gegenstand her seine Leser finden wird.

Oskar Jancke