Der einstige Juniorchef des Stinnes-Konzerns, der älteste Sohn Hugo, ist aus der nach dem Krieg von seiner Mutter Cläre, ihm und seinen Geschwistern Otto, Ernst und Else gegründeten Auffanggesellschaft Hugo Stinnes OH, Mülheim/Ruhr, ausgeschieden. Die Erbauseinandersetzung und Meinungsverschiedenheiten über die Geschäftsführung haben dazu geführt, daß Hugo Stinnes seinen Anteil von 20 v. H. an der OH herausgegeben hat und sein Bruder Otto die Geschäftsführung übernahm. Mutter Stinnes, Frau Cläre, beherrscht mit 60 v. H. die Gesellschaft. Wie sich der Anteil von Hugo künftig aufteilen wird, ist eine private Angelegenheit der Familie. Für die Öffentlichkeit ist zunächst interessant, daß Hugo Stinnes jetzt allein über die Hugo Stinnes Industrie- und Handels-GmbH, Bremen, verfügt. Das ist eine Holdinggesellschaft für verschiedene Industrie- und Schiffahrtsinteressen. Nach früheren Äußerungen des Hauses Stinnes war diese GmbH eine Tochtergesellschaft der OH, ist nunmehr aber offenbar aus dem Einfluß – der übrigen Familienmitglieder herausgenommen worden.

In der OH ist Kohlenhandel, Ölhandel, Schiffahrt und Verarbeitung verblieben. Bergbaubesitz ist bei keinem mehr vorhanden. Dieser wurde im Zuge von Entflechtung und amerikanischer Enteignungsmaßnahmen zusammen mit der Hugo Stinnes GmbH, Mülheim/Ruhr, Auslandsbesitz, eine Holding, in der die alten Stinnessischen Zechen und ein fast 150jähriger Familienbesitz an Bergbau, Handel und Schiffahrt, wie z.B. der Mülheimer Bergwerks-Verein, Diergardt-Mevissen AG und Mathias Stinnes AG konzentriert sind. über diese US-Stinnes-Gruppe ist noch einiges zu sagen.

Aus einem Gespräch mit Hugo Stinnes ist zu entnehmen, daß er weiterhin seine industriellen und Handelsinteressen bei der Atlaswerke AG, Bremen, der Maschinenbau Kiel AG, Kiel-Friedrichsort, der Holmag, Kiel, und selbstverständlich bei der Feldmühle AG, Düsseldorf, vertritt. Er ist auch weiterhin in Fortsetzung der Familientradition im Führungsgremium des RWE, sodann gehört ihm die Ruhrintrans-Hubstabler und die Transozean Schiffahrts-GmbH. An der Maschinenbau Kiel AG ist er zusammen mit Flicks Metallhüttenwerke AG, Lübeck, zu 50 v. H. beteiligt und an der „Brentag“ Brennstoff-Chemikalien- und Transport AG, Mülheim, mit ebenfalls 50 v. H. vertreten, wobei die anderen 50 v. H. seinem Bruder Otto gehören.

Die Erbauseinandersetzung hat also zu einer sehr klaren Trennung der verschiedenen Interessen geführt. An der Hugo Stinnes Industrie und Handel GmbH sind weder seine Mutter noch seine Geschwister beteiligt, andererseits der Junior nicht mehr an der Familien-OH.

Völlig unabhängig von diesen Stinnes-Gesellschatten gibt es in Mülheim/Ruhr noch die schon erwähnte Hugo Stinnes GmbH. Vor dem Krieg war diese GmbH die eigentliche Organisation der Stinnes-Gruppe, in der auch die amerikanischen Beteiligungen lagen. Sie wurde deutscherseits beherrscht von Frau Cläre Stinnes, in deren Auftrag Hugo als Generalbevollmächtigter die Geschäftsleitung ausübte. In dieser GmbH lagen alle Kohlenbeteiligungen, die Ruhröl GmbH, die Glaswerke Ruhr, die Norddeutsche Ölmühlenwerke GmbH sowie zahlreiche Rheinschiffahrtsgesell- – schaften, die Tankschiffreederei GmbH, die Preußisch-Rheinische, die Vereinigte Stinnes Rheinreedereien sowie die Kohlenimport und Poseidon Schiffahrts AG. sodann die Midgard Deutsche Seeverkehrs AG. Außerdem die Elsenhandelsgesellschaften und die Hotelbeteiligungen, Kohlenhandel und zahlreiche kleinere in- und ausländische Unternehmen.

Praktisch ist diese ganze Gruppe heute amerikanischer Besitz, worauf hinzuweisen die jüngsten unerfreulichen Ereignisse in der HV von Mülheimer Bergwerks-Verein mit dem Überrumpelungsversuch gegen die noch vorhandenen deutschen Aktionäre Gelegenheit gegeben hatte. Wie berechtigt die deutsche Kritik an Jenen Verwaltungsv orschlägen bei Mülheimer Berg und Diergardt gewesen ist, beweist die Haltung des Unternehmens in den vergangenen 14 Tagen. Unter Einschaltung Dritter ist einem der opponierenden Aktionäre „ganz diskret“ ein Abfindungsangebot von 167 v. H. auf seine alten Mülheimer Berg-Aktien statt 120 v. H. offiziellem Verwaltungsangebot unterbreitet worden mit dem Vorschlag, zu diesem Kurs auch bei anderen Oponnenten zu werben. Zur Zeit versucht auf Antrag der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz und des Aktionärs Engler der Wirtschaftsminister des Landes Nordrhein-Westfalen, Dr. Kohlhase, den ehrlichen Makler zu spielen und die streitenden Parteien am runden Tisch zu einer allseitig befriedigenden Kompromißlösung zu bringen. Man spricht von einem Abfindungsangebot von 180 bis 190 v. H. Allerdings ließ die Verwaltung nach Ablauf der den Aktionären gesetzten Frist zur Klageerhebung offiziell erklären, daß sie keine Notwendigkeit sähe, ein besseres Angebot als 120 v. H. zu machen. Im Augenblick sieht es übrigens nicht so aus, als wenn die allzu eilfertigen Aktionäre, die sich düpieren ließen und bereits umtauschten, an etwaigen doch noch zustande kommenden besseren Angeboten einen Anteil haben werden.

Für die Verwaltung der Hugo Stinnes GmbH als Holding der Bergwerksgesellschaften ist die Situation nicht ganz einfach, weil sie zur Zeit in den USA verschiedene Finanzverhandlungen führt. In der US-Presse ist zu lesen, daß die US-Treuhandstelle für ausländisches Eigentum die Absicht geäußert hätte, die Kontrolle über das beschlagnahmte Stinnes-Vermögen aufzugeben. Seit Anfang des zweiten Weltkrieges hat die Treuhandsteile 531 000 Stück Aktien oder etwa 53 v. H. des Stammkapitals der Hugo Stinnes Corporation, Baltimore, beschlagnahmt, zugleich die l00prozentige Tochter, die Hugo Stinnes Industries Incorporation, New York. Von dem Kapital der-Hugo Stinnes GmbH liegen wiederum über 50 v. H. bei der Industries Incorporation, über 25 v. H. bei der der Industries Incorporation gehörenden Hugo Stinnes Reederei AG, Hamburg, und ein Rest von rund 17 v. H. bei der Rotterdamer Tochtergesellschaft, die die Holländer trotz des US-Protestes beschlagnahmt hatten.