In was für einer Welt leben wir! Da ist gerade ein Jahrzehnt vergangen, seit die Sirenen und der Donner des zweiten Weltkrieges verstummten, und schon marschieren sie wieder: israelische Truppen über die ägyptischeGrenze, französischeSoldaten durch Nordafrika. In Singapur wird geschossen und auf Zypern. In Marokko wurden in der vergangenen Woche 50 Europäer ermordet. In Algier fließt täglich Blut. Über Budapest wehen schwarze Fahnen und trauern um Tausende, die für die Freiheit Ungarns starben.

Nie zuvor ist in einer Generation soviel von Menschlichkeit, Frieden und Freiheit geschwätzt worden – keine Regierungserklärung, keine internationale Konferenz, keine Schulfeier, ohne daß diese hehren Vokabeln beschworen wurden. Aber jetzt? Jetzt, wo es darauf ankommt, wo der Frieden des ungarischen Volkes verlorenging, wo die Menschlichkeit verhöhnt wird und die ungarische Freiheit mit sowjetischen Panzern niedergewalzt wurde, was geschieht da?

Der große Friedensbeschwörer Nehru schweigt oder vielmehr er sagte – über Ungarn befragt –: "Ein kluger Mann sollte mit seiner Stellungnahme warten." Und es schweigen die sonst so beredten Colombo-Mächte, die den Neutralismus als letzte Zuflucht für alle Friedliebenden preisen. Und die Großmächte, was taten sie? Am vorigen Freitag demonstrierten 2000 Ungarn – trotz Ausgehverbot – vor der britischen Gesandtschaft in Budapest und baten den Gesandten, den Aufstand und das Eingreifen der sowjetischen Truppen vor die UNO zu bringen. Aber erst Sonntagnacht – nach drei weiteren Tagen schweren Blutvergießens – trat der Sicherheitsrat zusammen. Die Westmächte haben offenbar gezögert, ihn anzurufen, weil sie der Meinung waren, die Sowjetunion würde sich darauf berufen, daß die ungarische Regierung die sowjetischen Truppen ja zu Hilfe gerufen hat und darum werde diese Aktion zu nichts führen.

Nicht nur die Völker, auch die Regierungen haben ein kurzes Gedächtnis. Es ist noch keine zehn Jahre her, da saßen die Vertreter der gleichen Großmächte in Nürnberg über Seyss-Inquart zu Gericht, der nach der erzwungenen Demission Schuschniggs die provisorische Regierung in Österreich übernahm. Er war (Anklagepunkt 1) der Teilnahme an einer "Verschwörung" beschuldigt, weil er am 11. März 1938 jenes von Göring inspirierte Telegramm an Hitler gerichtet hatte, in dem er die dringende Bitte aussprach, Hitler möge der österreichischen Regierung bei der Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung helfen; das Telegramm schloß: "Zu diesem Zweck bittet sie (die österreichische Regierung) die deutsche Regierung um baldmöglichste Entsendung deutscher Truppen."

Seyss-Inquart wurde in Nürnberg der Mithilfe an einer Verschwörung für schuldig befunden. Der amerikanische Ankläger sagte: "Er war der erste der sogenannten Quislinge oder Verräter, die von den Nazis benutzt wurden, um ihre Angriffspläne zu fördern und ihre Herrschaft über ihre Opfer zu befestigen Damals, in Nürnberg, wirkten auch die Sowjets mit. Ihr Hauptanklagevertreter war General Rudenkow. Er machte am 8. Februar 1946 Ausführungen, die man gut tut, sich heute wieder ins Gedächtnis zurückzurufen:

"Zum ersten Male stehen Verbrecher vor dem Richter, die sich eines ganzen Staates bemächtigt und diesen Staat selbst zum Werkzeug ihrer ungeheuerlichen Verbrechen gemacht haben. Zun ersten Male richten wir in den Angeklagten nicht nur sie selbst, sondern auch die von ihnen ins Leben gerufenen Einrichtungen und Organisationen sowie ihre menschenverachtenden ‚Therorien‘ oder ‚Ideen‘, die von ihnen zum Zwecke der Verwirklichung der schon lange Zeit vorher geplanten Verbrechen gegen die Welt und gegen die Menschlichkeit vorbereitet wurden ...

Wenn mehrere Verbrecher sich verabreden, einen Mord zu begehen, dann spielt jeder von ihren eine bestimmte Rolle: der eine verfaßt den Mordplan, der andere wartet im Auto und der dritte schießt unmittelbar auf das Opfer. Doch wie auch ihre Teilnehmerrolle beschaffen sein mag, sie sind doch alle Mörder, und jedes Gericht in jedem Lande wird die Beweisführung, daß die ersten zwei nicht Mörder seien, weil sie nicht selbst auf das Opfer geschossen haben, abweisen