Der Gang der Ereignisse in Ungarn hat Moskau und seine Anhänger in Osteuropa vor eine völlig neue Situation gestellt. Hieß gestern noch die Frage: Sowjetkommunismus oder Nationalkomriunismus? so heißt sie heute: Warum überhaupt noch Kommunismus? Damit ist auch Tito ins Hintertreffen geraten und die Frage seines Verhältnisses zu Moskau ist nicht mehr der bestimmende Paktor im Raum der Satelliten. Es ist deutlich geworden, daß die Mehrheit des ungarischen Volkes nicht mehr mit der titpistischen Lösung zufrieden ist, aber ebenso klar ist auch geworden, daß Moskau den Ungarn eine Freiheit, die über die Grenzen des Titoismus hinausgeht, nicht gewähren will. Als Vorbild erscheint den Aufständischen Finnland, dessen außenpolitische Bindungen an Moskau ja ebenfalls innenpolitische Unabhängigkeit ermöglicht, oder in ganz kühnen Träumen sogar eine "österreichische Lösung", womit sich Moskau aber schwerlieh abfinden dürfte. . Musulin, Raab, 29. Oktober Erst sah es so aus, als ob wir nicht einmal bis zur Grenze kommen würden. Aber dann hebt sich plötzlich der Schlagbaum, die ersten Autos schieben sich ins Niemandsland vor, das aus regengepeitschten Maisfeldern besteht. Aber ehe ich den Schlagbaum passieren kann, ein neuerliches Haltzeichen! Lastwagen rollen vorbei. Lastwagen mit Verbandstoff, Decken, Brot, Blutkonserven und schmerzstillenden Mitteln, Fahrer aus Wien, Niederösterreich und dem Burgenland sind es, die hier freiwillig Dienst tun.

Seltsam, immer wieder wird gepredigt, "seid gut zueinander, helft einander", und niemand ist es, niemand tut es. Aber dann ist man auf einmal gut zueinander. Ich habe in Wien vor der Klinik Schönbauer Menschen Schlange stehen sehen, die ihr Blut für ungarische Verwundete geben wollten. So viel Menschen, daß die Polizei einen Ordnungsdienst einrichten mußte. Ich beobachtete kleine Leute, die 1000 und mehr Schilling spendeten, und als nan für die Treibstoffversorgung der Ungarn Kanister brauchte und der Appell erging, solche bei dergroßen Tankstelle gegenüber dem Westbahnhof abzugeben, da entstand dort so rasch ein blecherner Berg, daß man durch den Rundfunk Einhalt gebieten mußte. Weiterfahrt. Schwerer Regen, der vom Sturm in, Wellen über das Betonband gepreßt wird. Ein kleines Grenzgebäude, darüber eine Fahne, die ungarische Fahne mit dem herausgeschnittenen Sowjetemblem, das Symbol des großen Aufstandss, das Symbol, unter dem sich Ungarn den Weg zurück nach Europa erkämpfen will.

Eine kleine Gruppe unrasierter, erschöpft wirkender Männer geht zu den Lastwagen. Es sind die ungarischen Ärzte, die die Medikamente übernehmen. Sie sind erschöpft, aber sie lachen, auch die Soldaten lachen, die an der Grenze Dienst tun. Man