w, d., Oppeln

Die Ereignisse in Ungarn und Warschau finden auch in den polnisch verwalteten deutschen Ostprovinzen ihren Niederschlag. Nach dem Sturm auf das Haus der „Sowjetfreundschaft“ in Breslau ist es auch in anderen Bezirken zu aktiven und passiven Oppositionshandlungen gekommen.

An der Ecke Zimmerstraße/Hindenburgstraße in Oppeln sammelte sich eine große Menschenmenge, zu der ein älterer polnischer Arbeiter sprach. Sinngemäß sagte er, daß „die Russen nicht unsere Freunde sind und es auch nie werden. Polen braucht neue Freunde – sogar die Deutschen sind uns lieber als die Sowjets. Und wir sollten den Deutschen geben, auf was sie nicht verzichten wollen, wenn wir damit Freunde gegen die Sowjets gewinnen und dadurch das stalinistische Regime beseitigen können!“

Aus anderen Regierungsprovinzen werden ähnliche Vorkommnisse gemeldet. Anscheinend wird unter den hier angesiedelten Polen das Problem der deutschen Östgrenze lebhaft diskutiert. In Liegnitz soll ein Funktionär der „Demokratischen Partei Polens“ geäußert haben, daß den Polen durch die Oder-Neiße-Grenze die außenpolitische Handlungsfreiheit genommen worden ist und daß sich, solange diese Grenze bestehe, Polen für immer an die UdSSR gebunden und keine andere Alternative in der Außenpolitik habe.

Zu aktiven Handlungen kam es im niederschlesischen Steinkohlenrevier von Waldenburg und im oberschlesischen Industriegebiet. Hier waren es vor allem die Bergarbeiter, die Protestversammlungen einberiefen. In Waldenburg wurde kommunistisches Propagandamaterial aus den „Kulturhäusern“ geholt und verbrannt. Unvorsichtigerweise hatten Waldenburger Parteileute den Arbeitern gedroht, „die Sowjets werden es euch schon zeigen“!

In Beuthen setzten es die Kumpel wie im Waldenburger Bergland durch, daß die Grubendirektionen als radikal bekannte Verwaltungsangestellte, Normenkontrolleure, Gewerkschaftler und Brigadiere versetzten oder degradierten und als einfache Arbeiter in die Produktion einreihten. Listen mit Namen unbeliebter Funktionäre, die verschwinden sollten, wurden in Königshütte und Mechtal bei Gleiwitz von Hunderten von Arbeitern unterschrieben und den Werkleitungen vorgelegt.

Zu den größten Zwischenfällen kam es in Liegnitz, wo ein Stadtteil ganz von der sowjetischen Garnison eingenommen wird. Hier sammelten sich Tausende demonstrierender Polen auf dem Sportplatz an der Bitschenstraße, forderten in Sprechchören den Abzug der Russen, Freigabe des von ihnen benutzten Wohnraumes und Öffnung der militärischen Lebensmitteldepots. Die Menge drang zeitweise tiefer in das sowjetische Sperrgebiet der Stadt ein, stürzte einige Autos um und verjagte die Mannschaften von Feuerwehrautos, die als Wasserwerfer eingesetzt werden sollten.

Die sowjetischen Soldaten haben Ausgangsverbot. Durch Lautsprecher-Übertragungswagen wurde der Bevölkerung zugesichert, daß jedermann straffrei ausgehe, wenn er an seinen Arbeitsplatz zurückkehre.