Von Walter Abendroth

Der eigentliche heimliche Diktator unseres Zeitalters ist der Werbefachmann. Seinen Methoden sind seit langem Wirtschaft und Politik unterworfen; die Kunst und das Geistesleben werden es bald ebenso vollständig sein. Bedenkt man, mit welchem Aufwand an Wortklischees die Kunst der Gegenwart sich selbst propagiert, wie viele Menschen von den Leistungen dieser Kunst zwar durchaus nicht innerlich überzeugt, wohl aber durch die dazugehörige Phraseologie vernebelt und in ihrem Mut zu eigenem Urteil eingeschüchtert sind, so darf einem der Kampf gegen das Schlagwort als eine legitime Form der Auseinandersetzung mit besagter Kunst erscheinen.

Ähnliche Erwägungen mögen es gewesen sein, die Professor Dr. Theodor Heuss bei der Konzeption seines Vortrags „Zur Kunst dieser Gegenwart“ geleitet haben, den er in der „Bayerischen Akademie der Schönen Künste“ vor 300 geladenen Zuhörern hielt. Der Schriftsteller Heuss ist ordentliches Mitglied der Akademie, und gute Gründe (oder wohl auch böse Erfahrungen) veranlaßten ihn, wiederholt zu betonen, daß er hier nicht als Bundespräsident rede, daß ihm nichts ferner liege, als etwa das vielleicht von manchem erwartete „Hitlerwort“ in Dingen der Kunst zu sprechen, er äußere lediglich seine ganz persönliche Meinung. Es waren aber keineswegs Subjektivismen, die man darauf zu hören bekam, sondern eine systematische Abrechnung mit dem Schlagwortschatz der zeitüblichen Kunstideologie.

Sinn- und sachgemäß begann die Kritik schon bei dem Begriff „modern“; einem Wort, welches Heuss, wie er bekannte, stets in Anführungsstrichen zu schreiben pflegt. „Modern“ und „modisch“ kommt von modus, was nichts anderes als „Maß“ bedeutet. Die Feststellung der Modernität, wie sie heute gemeint wird, sagt nicht das geringste über Wert oder Unwert aus. Noch sinnloser ist der Gebrauch des Begriffes „abstrakt“. Abstrakte Kunst gibt es nicht (abstrakt kann nur etwas bloß Gedachtes sein), sondern lediglich eine „Kunst ohne Gegenstand“. Allein an einer späteren Stelle seines Vortrags wies der Redner mit Recht darauf hin, daß der Gegenstand den schaffenden Künstler doch nicht losläßt: wir sehen es an jenen „gegenstandslosen“ Bildern, deren Unterschrift ihnen eine literarische Auslegung geben soll. Die Gefahr schlagwortlicher Überspitzung ist übrigens schon bei der üblichen Unterscheidung von Impressionismus und Expressionismus gegeben, denn hier wie dort findet ein künstlerisches Erlebnis seinen Ausdruck. Ihren Rang indessen erhält die Kunst von den Formelementen der Darstellungsart. An der Gegenüberstellung des Mädchens am Fenster“ von Jan Vermeer und des „David vor Saul“ von Rembrandt demonstrierte Heuss, wie einmal der an sich völlig uninteressante Gegenstand einzig durch die Kunst der Darstellung höchste Anziehungskraft gewinnt, das andere Mal die Eindrucksgewalt der Erzählung die Mittel des künstlerischen Vortrags fast vergessen macht. Das eine wie das andere zeigt: „In der Kunst steckt jenes Element des Ewigen, das immer aktuell ist.“

Mit besonderer Skepsis begegnet Heuss dem Schlagwort von der notwendigen Entsprechung der „modernen“ Kunst zur technisch verwandelten Welt. Die damit behauptete Einheit und Gleichzeitigkeit wird schon dadurch widerlegt, daß viele sehr „moderne“ Maler von der „modernen“ Musik nichts wissen wollen und umgekehrt. Auch geschichtlich läßt sich eine solche notwendige Gesetzmäßigkeit der Entsprechung nicht belegen: Johann Sebastian Bach beispielsweise hatte keinerlei Entsprechung seines Ranges in der gleichzeitigen Malerei, Architektur, Literatur. (Die Geschichte ärgert ihre philosophischen Interpreten gern.)

Es ist überhaupt sehr fraglich, wieweit wissenschaftliche Erkenntnis in künstlerische Darstellung eingreift. Durch die Ergebnisse der Forschung und ihre Auswertung in der Technik ist „die Welt des Unfaßbaren berechenbar geworden“. Aber was hat das mit Kunst zu tun? Durch ein neues Lebensgefühl, neue Denkmethoden unmittelbar werden keine Quellen der künstlerischen Schöpfung geöffnet. Der innere Lebens- und Erlebensraum kümmert sich nicht darum, wie die Blumen sich nicht um ihr biologisches Wesen, kümmern. Ohne sich auf das „Lieblingsthema der Deutschen“ einzulassen, ob die Technik „gut“ oder „böse“ sei, konstatierte Theodor Heuss, einen früheren eigenen Ausspruch zitierend: „Aufgabe und Schicksal der Technik ist, zu veralten.“ Der Eigensinn der Kunst hingegen ist ihr Anspruch, immer jung zu sein. Technik ist fortschrittlich – sie entwertet immer, was war. Kunst ist nie fortschrittlich – sie lebt aus der Beimischung des Ewigen.

Von hier war der Weg nicht weit zum Schlagwort „Funktionalismus“, das vor allem in der gegenwärtigen Architektur eine Rolle spielt. Auch hier gab Heuss eine längst fällige historische Berichtigung. Der Funktionalismus sei kein Stil, noch weniger eine neue Errungenschaft. Zu jeder Zeit sei gemäß der „Funktion“, der Bestimmung eins Gebäudes gebaut worden, mit einziger Ausnahme des 19. Jahrhunderts, das die „Maskierung“ liebte die kitschige Verkleidung mit pseudo-romanischem gotischem oder sonstigem unsinnigen Zierat. Andererseits müsse gesagt werden, daß Eisenbeton Stahl und Glas als Baumaterial zwar neue Möglichkeiten brächten, daß aber darin allein noch keine stilprägende Potenz liege. Damit hängt zusammen die heute besonders beliebte Phrase von der Zweckmäßigkeit und Materialechtheit, die beide schon an sich Gewähr für Schönheit bedeuten sollten. Der Zweck jedoch umfaßt keine ästhetische Kategorie, sagte Professor Heuss. Betreff; der Materialechtheit deutete Heuss auf den Schwindel hin, den das Barock mit dem Material getrieben habe und dessen Ergebnisse wir doch durchaus als schön empfinden. In der Tat: ein Schlagwort nach dem anderen erweist sich bei nur ein wenig schärferer Beleuchtung als nichtig.