Als die Besatzungsmächte noch als uneiniges Convivium auf die deutsche Pelle drückten, ließ uns Peter Ustinov lachen über „Die Liebe der vier Obersten“. Von Berlin aus, für das der englische Schauspieler geradezu ein deutsches Zeitstück geschrieben hatte, machte diese „Komödie“ die Runde und stimmte anderswo schon weniger. Doch der rundliche Herr mit dem koketten Barte, 35 Lenze alt wie Friedrich Dürenmatt und todernst wie alle Komiker, war inzwischen ein ironischer Nero in Hollywood und ein Zirkusdompteur bei Max Ophuels in „Lola Montez“. Der Film jedoch lehrt: Einen Erfolg muß man zweimal machen. So schrieb Ustinov „Romanoff und Julia“. Wieder nennt er’s eine „Komödie“. Sie hat in London noch anhaltenden Serienerfolg. Der Autor selbst macht den maître de plaisir: Präsident, General und Clown eines europäischen Kleinstlandes, wo die Uhren nachgehen, aber die Menschlichkeit blüht. An einem Abend, an dem Ustinov in London spielfrei hatte, kam er nach Düsseldorf, wo im Schauspielhaus bei Stroux gerade die deutsche Erstaufführung von „Romanoff und Julia“ stattfand.

Hätten wir einen lokalen Theaterbericht zu. schreiben, wir würden die Glocke des Lobes schwingen über Wolfgang Spier, den geschmackvollen Spielleiter, über Jean-Pierre Ponnelle, den französischen Bildspezialisten für deutsche Bühnenmärchen und über die Düsseldorfer Schauspieler, von denen keiner richtig deutsch sprechen durfte – außer Alfred Balthoff in der Ustinov-Rolle. Ob sie nun russisch oder amerikanisch chargierten, den Zuschauern, die lachen wollten, lachen über die blöde Politik, ihnen war ein Abend „ohne mich“ das reinste Vergnügen. Er sei ihnen gegönnt, zumal Ustinov so „objektiv“ war, sowohl den Russen in Gestalt eines Revolutionärs der ersten Stunde und den Amerikanern in Gestalt eines abgewiesenen Verlobten, der in Eisschränken handelt, je eine sympathische Figur zu gönnen.

Wir haben ein paarmal gelacht, dennoch behielten wir einen schalen Nachgeschmack. Romeo, der Sohn des Sowjetbotschafters, liebt Julia, die Tochter des amerikanischen Botschafters in Utopia. Im Hause des Amerikaners geht das noch einigermaßen glimpflich ab. Da wird vom Autor nur die schnöde Vermischung von Geschäft und Politik gegeißelt. Ustinovs Phantasie gehört offensichtlich den Russen. Ein bourgeoises Hütchen, nach dem sich die Frau Botschafter sehnt, bringt den Herrn Botschafter ebenso in Verlegenheit wie die „private“ Liebe seines Sohnes, der sich von seiner Verlobten, der Kommandeuse einer Schaluppe, über die Parteilinie belehren lassen muß. Und der NKWD-Spion im Botschafterhause konvertiert schnurstracks zur utopischen Kirche, um, auf den Knien rutschend, die Schleppe des Erzbischofs zu tragen – ein gerader Weg führt die russische Seele von der Wonne der Selbstbezichtigungen zur Lust des Leidens im Kloster.

Wäre das Ganze ein Sketsch zum Kabarettgebrauch – sei’s gegen die Russen, sei’s gegen die Amerikaner – im Lachen würde Ernst stecken. Denn Kabarett ist aggressiv, eine klare Waffe. Aber Ustinov will beide auf einmal treffen und sagt deshalb „Komödie“. Er tut auch dramaturgisch so, wird „objektiv“ und – peinlich. Zur Komödie fehlt ihm das Format. Die tiefere Bedeutung, sein Utopia, ist – Operette. So leicht lacht sich’s in London. Wir aber sitzen näher dran und sagen: Schade! J. J.