Wie die Sowjets das Hirn der deutschen Flugzeugindustrie nach Rußland brachten / Von

Während sich die deutsche Botschaft in Moskau bemüht, mit deutschen Wissenschaftlern und Spezialisten Kontakt aufzunehmen, die seit Jahren für die Sowjetunion arbeiten und den Wunsch haben, zurück nach Deutschland zu kommen, warten in Westdeutschland schon einige hundert „Spezialisten“, die auf regulärem Wege die Sowjetunion verlassen durften, darauf, als Kriegsgefangene anerkannt zu werden. Die grundsätzliche Frage lautet: Gingen Sie freiwillig? Nachstehender authentischer Bericht, der den Weg eines deutschen Ingenieurs schildert, der zusammen mit Tausenden von Kollegen 1946 bei Nacht und Nebel nach Rußland verschleppt wurde, läßt keinen Zweifel: Von 2000 deutschen Spezialisten hat kaum ein einziger die Heimat freiwillig verlassen, um für die Sowjets zu arbeiten.

Nitschewo“, sagte Kommissar Sergiu Jalenko, als er in der Kröllwitzer Straße 104 in Halle ander Saale den Strahl seiner Taschenlampe über das Namensschild der Hausbewohner gleiten ließ und den Namen Thomas im grellen Schein studierte.

Ein Wink, und zwei Rotarmisten mit Gewehren und aufgepflanzten Bajonetten standen neben ihm. Sie klemmten ihre Seitengewehre in den Türspalt und zogen und drückten, bis mit leisem Knall das ganze Schloß aus dem Holz der Füllung flog, und der dunkle Flur offen wie der Eingang eines Schachses vor ihnen lag.

Wieder winkte Kommissar Sergiu Jalenko, und zwei weitere Soldaten mit Gewehren und eine hübsche, junge, uniformierte Frau traten an seine Seite. Dann leuchtete er voraus in das Dunkel des Hauses, und der Trupp setzte sich mit leisen Schritten in Bewegung, während die Dolmetscherin ein kleines Bündel Papiere aus der Tasche ihrer Bluse zog und sie auseinandergefaltet bereit hielt.

Thomas lag in tiefem Schlaf. So hörte er nicht, wie der Wagen vorfuhr, und er hörte auch nicht den durch das Haus hallenden dumpfen Krach der aufgesprengten Tür des Hauses; er hörte nicht das unter den Schritten der Soldatenstiefel knisternde Treppenhaus, und er hörte nicht das kurze, aber kräftige Klopfen an der Wohnungstür.

„Aufmachen“, sagte dazu die heisere Stimme einer Frau. Und dann kam das Klopfen noch energischer wieder – vielleicht geschah es nun auch mit dem Gewehrkolben – und die Frauenstimme rief: „Aufmachen ... russisches Spezialkommando!“