Israel marschiert: Israelische Truppen überschritten in zwei Stoßkeilen die ägyptische Grenze und marschierten in Richtung Suez. In Jerusalem spricht man von einer Aktion, die zu groß für eine Vergeltungsaktion sei – denn die Truppen würden bis zur Erreichung ihrer Ziele auf ägyptischem Gebiet bleiben – und zu klein für einen Krieg, da keine Luftstreitkräfte eingesetzt würden. Die Wahl von Suez als Angriffsziel hat mehr psychologische als strategische Gründe. Die Israelis wollen damit den Westmächten, vor allem England und Frankreich, ein Eingreifen, zu dem sie auf Grund ihrer Nahosterklärung von 1950 verpflichtet sind, erschweren. (Die drei Mächte, USA, England und Frankreich, erklärten 1950, daß sie jedem Opfer einer Aggression im Nahen Osten beistehen würden). Ben Gurion rechnet damit, daß der Konflikt mit Nasser die Engländer und Franzosen und die Präsidentschaftswahlen die Amerikaner an der Erfüllung ihrer Verpflichtungen hindern werden, Andererseits wird es aber den drei Garantiemächten auch nicht leicht fallen, ein Nichteingreifen vor der UNO zu rechtfertigen, deren Sicherheitsrat bereits eingeschaltet wurde.

Moskaus Nein: In einer ausführlichen Note weist Moskau direkte Verhandlungen mit Bonn, wie sie die Bundesregierung in ihrer Note vom 2. September angeregt hatte, zurück. An Moskaus Forderung, Wiedervereinigungsgespräche nur über Pankow, und Bonns Ablehnung dieser Forderung hat sich nichts geändert.

Bürgerkrieg In Ungarn: Die lang angestaute Unzufriedenheit über den langsamen Fortschritt der Entstalinisierung entlud sich in einem spontanen, von Budapest auf ganz Ungarn übergreifenden Volksaufstand, dem sich der größte Teil der ungarischen Armee anschloß Das regierende kommunistische Kollektiv versuchte verzweifelt, den Anschluß an die Entwicklung wieder zu gewinnen, indem es „stalinistischen Ballast“ in Gestalt von Parteisekretär Gero und Ministerpräsident Hegedüs abwarf und die „Titoisten“ Kader und Imre Nagy an die Spitze von Partei und Regierung berief. Ziel des Aufstandes ist aber offensichtlich kein titoistisches, sondern ein freies und demokratisches Ungarn. Schweres Blutvergießen verursachten sowjetische Panzer und ungarische Sicherheitspolizisten. Ein Waffenstillstand wurde geschlossen, nachdem Nagy den Abzug der sowjetischen Truppen versprochen hafte. Die Lage ist nach wie vor labil. Die Aufständischen haben ihre Waffen nicht niedergelegt und die Sowjettruppen sind nicht abgezogen. Gewisse Unterschiede in der Einstellung zum Kommunismus bestehen auch bei den Aufständischen. Nur zwischen Nationalkommunisten unter ihnen und Nagy scheint eine Einigung möglich, nicht mit den Antikommunisten. Der Sicherheitsrat der UNO hat Ungarn auf seine Tagesordnung gesetzt.

Rokossowski geht – Wyszinski kommt: Marschal Rokossowski, „Moskaus Geßler in Polen“, wurde beurlaubt und dürfte kaum auf seinen Posten als Oberbefehlshaber und Verteidigungsminister zurückkehren. Kardinal Wyszinski wurde freigelassen und in seine früheren Ämter eingesetzt. Vatikanische Kreise hoffen, daß dies das Signal zur Abschaffung der antikirchlichen Gesetze in Polen sein möge.

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Arabische Front gegen Paris und London: Einen Akt der Piraterie nennen arabische Sprecher die Verhaftung von fünf algerischen Rebellenführern bei einer (von französischen Düsenjägern erzwungenen, nach anderen Berichten freiwillig erfolgten) Zwischenlandung ihres Flugzeuges auf dem Weg von Marokko nach Tunis. Marokkos Sultan und der König von Jordanien riefen ihre Vertreter in Paris ab. – Aus den jordanischen Parlamentswahlen ging, wie zu erwarten, eine proägyptische und antiwestliche Regierung hervor. Mit einer Änderung des britisch-jordanischen Paktes, der den Engländern die Stationierung von Streitkräften in Jordanien erlaubt, ist zu rechnen.

Erfolg der SPD: Aus den Landtags- und Gemeindewahlen in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Hessen ging die SPD als Sieger hervor. In Hessen erreichte sie 47,1 v. H., in Nordrhein-Westfalen 44,1 v. H. und in Niedersachsen 38,5 v. H. der abgegebenen Stimmen. Die CDU hat im Vergleich zu den letzten Kommunalwahlen ebenfalls Stimmen gewonnen. Sie sieht das Wahlergebnis als erneute Bestätigung der Entwicklung zum Zweiparteiensystem.

(Sirius, 1. 11. 1956)