Nobelpreis für einen wirklichen Dichter

Juan Ramón Jiménez, der spanische Lyriker, den die Schwedische Akademie den diesjährigen Nobelpreis für Literatur zusprach, verließ vor zwei Jahrzehnten das Land, in dem er 1881 geboren wurde (im westlichen Andalusien) und das ihm auch noch heute geistige Heimat ist. Zart und kränklich von Jugend an, führte Jiménez ein zurückgezogenes leben, das ganz seinem dichterischen Werk gewidmet war. Lyrikbände und Übersetzungen – so übertrug er die Werke des indischen Dichters Rabindranath Tagore – ließen seinen Namen für Kenner schnell zu einem Begriff werden; nie jedoch erlangte er die Breitenwirkung Federico Garcia Lorcas, jenes zweiten spanischen Lyrikers unserer Tage, der der Weltliteratur angehört. Die geistige und dichterische Ahnenreihe Jiménez’ läßt sich nur in Anklängen bestimmen: so findet man Spuren der französischen Symbolisten Verlaine und Rimbaud, der Romantiker Gustavo Adolfo Becquer und Heine, Spuren aber auch von Shelley und Keats. Nie ist ein spanischer Dichter vor ihm mit so knappen Sätzen ausgekommen, mit so wenig Ballast der Sprache. Jiménez – wie Garcia Lorca, ein Gegner Francos – emigrierte zuerst nach Puerto Rico, dann nach Nord- und Südamerika und lebt heute als Journalist und Schriftsteller in Washington. Die deutsche Fassung der Gedichte, mit denen wir heute den Dichter unseren Lesern vorstellen wollen, stammt von Rudolf Großmann, dem Ordinarius für Romanistik an der Hamburger Universität:

Jardin Doliente

Tú me miraras llorando

– será el tiempo de las flores –

tú me mirarás llorando,

y yo te dire: No llores.