Zwei englische Kriegsschiffe besuchten Hamburg – ein Zerstörer und ein Tankschiff der Navy. Kaum, daß man es vernommen, kann man sie über den Jungfernstieg spazieren sehen, die jungen, oft mädchenschönen Matrosen mit dem Namen ihres Schiffes am Mützenband. Die runde, weiße Form sitzt ihnen so auf dem Kopfe, daß die obere Fläche nach vorn geneigt ist und außerdem zur Seite. Unter ihren kurzen, dunkelblauen Mänteln flattern die weiten Hosen, die ihrem wiegenden Gang etwas Feierliches und Verträumtes geben. Diese Hosen werden offenbar – Morgenstern würde sagen: „des Tages angehabt“ – nachts in genau vorgeschriebener Weise zusammengelegt. Reichlich handbreite Querfalten sind deutlich zu sehen. Womöglich entstehen sie, wenn das Kleidungsstück nach einer Vorschrift, die schon Nelson übernahm, zwischen die Decken der Hängematte gelegt wird.

Wer englische Seeromane gelesen hat, verfügt über fixe Vorstellungen davon, wie die Matrosen in dunkler Nacht auf stürmischer See – soweit sie nicht „on duty“ sind – pendelnd unter der niederen Decke ihrer Unterkunft schlafen, eingesponnen in die Hängematten, und in ähnlicher Weise lebenspausierend wie Kokons. Wer sie – meist zu zweit Schaufenster betrachtend – durch die Hamburger Innenstadt gehen sieht, den überkommt die Lust, sich anzusehen, wie es wirklich dort aussieht, wo sie leben.

Ihr Schiff hat an der Überseebrücke festgemacht. Das Stück Fremde liegt zwischen der Hochbahnstation Baumwall und der Stülckenwerft. Hinter dem Zollgitter auf dem Ponton stehen Hamburger und betrachten es. Über den Aufbauten weht die Flagge, die Joseph Conrad, Pole und englischer Seemann, „dieses symbolische, schützende, warme Stückchen Kattun“ nannte, „das Jahre hindurch das einzige Dach über meinem Kopfe sein sollte“.

Matrosen – sie heißen übrigens nicht sailors, wie der deutsche Oberschüler meint, sondern ratings – verlassen eben mit leeren Spankörben das Schiff, anscheinend, um in der Stadt Gemüse oder Obst einzukaufen. Auf dem Achterschiff fesselt ein schönes Faß aus Mahagoniholz die Aufmerksamkeit des Besuchers, bevor er noch an den „Eingang“ der fremden Niederlassung gekommen ist. Es steht frei auf dem Deck und trägt in blankgeputztem Messing die Aufschrift „Her Majesty the Queen – God bless Her“. Man beschließt, zu ergründen, was es damit auf sich hat.

Es ist Flut, und die Verbindung vom Ponton zum Schiff führt steil aufwärts. An ihrem Fuße steht ein Posten, der seinem Schiff den Rücken kehrt. Wer den Pfiff auf der Trillerpfeife überhört, der weit hinter ihm auf Deck ertönt, meint, daß er sich ganz unvermittelt entschließt, kehrtzumachen und nach vorgeschriebenem Ritus dreimal auf dem Ponton hin- und herzuparadieren. Zwei zehnjährige Hamburger Jungens strengen sich hinter dem Gitter an, die zweifellos lustig anmutende Gangart nachzuahmen, und wie die Posten halten sie dabei eine Art Stab im angewinkelten Arm. Machen sie sich darüber lustig? Sie scheinen ganz ernsthaft bei der Sache.

Wir werden – obwohl nicht angemeldet und durch nichts legitimiert als den Wunsch, uns das Schiff anzusehen – freundlich empfangen. Der Offizier am „Eingang“ gibt uns einen Matrosen als Fremdenführer mit. Wir würden gern sehen, wie er und seine 320 Kameraden wohnen, wie die Räume aussehen, in denen der Kapitän lebt – aber das ist nicht erlaubt. Vom Privaten ist nur, durch ein Bullauge, ein Offizier zu sehen, der in einem typisch englischen, blumenchintzüberzogenen Sofa sitzt – in der Offiziersmesse offenbar. Nach dem Sofa zu urteilen, kann ein Kamin eigentlich nicht fern davon sein. Ob es aber auf Kriegsschiffen Kamine gibt?

Der Matrose zeigt mit großer Begeisterung, was zweifellos auf einem Kriegsschiff die Hauptsache ist: die Vorrichtungen zum Schießen. Dem Laien scheint es, als ob – die neuesten Rotationsdruckmaschinen neben diesen Gebilden die Einfachheit einer alten Nähmaschine hätten. Er versteht nicht viel mehr, als daß man damit eben schießen kann.