D.K., Hamburg

Die stille Zelle, abseits vom Lärm der Welt, wen wandelte nicht zuweilen die Sehnsucht nach ihr an? Doch wo ist klösterliche Einsamkeit bei uns in Hamburg zu finden, wo Klosterstern nur eine U-Bahnstation ist und die Häuser der Abteistraße weltliche Wohnstätten sind? Wie könnten wir hier – vorausgesetzt, wir seien um der einsamen Zelle willen dazu bereit – die weltliche Kleidung ablegen, den Schleier nehmen, der die Unruhe der Gegenwart in diffuse Ferne rückt? Es gibt keine Klöster in Hamburg.

Es gibt keine Klöster bei uns, jedoch es gibt Zellen. Das hat sich vermutlich ein Mann gesagt, der hier vor einigen Tagen ein Gesuch an eine Justizbehörde richtete. Er bat um Aufnahme „in einer Ihrer Anstalten – fernab vom Lärm der Technik“.

Er komme, so schrieb der Mann, nicht mit leeren Händen, er wolle Miete und Pension zahlen und nur einen kleinen Teil seiner Rente für sich behalten. Auch besitze er eine wunderschöne Wohnung, die er zur Verfügung stellen könne – gebe aber demjenigen, der sie beziehen wolle, den Rat, sich energisch gegen die Untermieter durchzusetzen.

Er selbst wolle nur Ruhe; Ruhe vor seinen Mietern, Ruhe vom Lärm der Technik und Ruhe zur Niederschrift einer philosophischen Abhandlung, die ihm am Herzen liege. „Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie es möglich machen würden, mich in einem Ihrer Gefängnisse aufzunehmen“, schloß er sein Schreiben; „es ist mir mit meinem Wunsche sehr ernst.“

Nicht, daß der Wunsch, Ruhe vor dem Lärm der Technik zu haben, dem Beamten, der den Brief bekam, unverständlich gewesen wäre. Aber was hier gewünscht wurde, ist an bestimmte Voraussetzungen gebunden, die der Ansuchende ja nicht erfüllt. Die Voraussetzungen aber eigens zu schaffen, um so zum Ziele zu kommen – das dem Manne zu raten, kann niemand (und ein beamteter Diener des Staates am allerwenigsten) auf sich nehmen. So wurde denn eine freundliche Antwort diktiert, in der man bedauernd erklärte, den Ruhesuchenden nicht aufnehmen zu können.

Was tat der Abgewiesene? Grollte er der Behörde, die seine Hoffnungen nicht erfüllte? Das tat er nicht. Er nahm sorgfältig einen neuen Briefbogen vor, bedankte sich in sauberer Handschrift für die Nachricht und versicherte, daß ihm die Ablehnung zwar schmerzlich, aber der freundliche Brief der Behörde doch tröstlich sei; denn mehr als auf den Erfolg komme es auf die charakterliche Haltung an.