Wieder haben wir ein trauriges Kapitel aus dem Aktienwesen zu registrieren. Es handelt sich um den Ablauf der HV der Ford-Werke AG, Köln. Die Parallelität zu der kürzlichen HV des Mülheimer Bergwerks-Vereins ist so zwingend, daß sich in der interessierten Öffentlichkeit bereits peinliche Gespräche zu entwickeln beginnen. Wir erinnern daran, daß sich gegen den amerikanischen Großaktionär bei Mülheimer Bergwerks-Verein eine massierte und gut geführte Opposition von 65 v. H. der in der HV vertretenen freien Aktionäre gebildet hatte. Bei Ford, wo der Großaktionär, nämlich die Ford Motor Company in Detroit, in den letzten zwei Jahren seinen Aktienanteil von rund 60 auf nunmehr 85 v. H. (zu Lasten der deutschen Aktionäre) heraufmanipuliert hatte, opponierten in einer fast achtstündigen HV rund 40 v. H. der freien Aktionäre gegen die Dividenden- und Finanzwillkür des amerikanischen Großaktionärs.

Beide Hauptversammlungen zeigten, daß das deutsche Aktiengesetz dringend einer Reform bedarf, und zwar für jene Fälle, in denen zusammengefaßte Kapitalkräfte eine einseitige „Aushungerungspolitik“ – wie es jetzt in der Ford-HV von der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz formuliert worden ist – betreiben. Das bei Ford außerdem die Führung der HV durch den AR-Vorsitzer Dr. Hauß (Stuttgart) erneut die mehrmalige Mißbilligung der Aktionäre hervorrief, sei nur am Rande erwähnt.

Über den Verlauf der Ford-HV berichten wir an anderer Stelle dieser Ausgabe. Unabhängig davon bleibt festzuhalten, daß die Duplizität des Auftretens amerikanischer Großaktionäre in deutschen Gesellschaften in der Form des Kolonial-Kapitalismus allmählich die Aufmerksamkeit der politischen Stellen in Bonn auf sich lenken sollte. Aber auch das Verhalten einiger deutscher Verwaltungsmitglieder dem deutschen Aktionär gegenüber kann nicht ohne Kritik hingenommen werden. Bankier Hermann J. Abs hat vor etlichen Monaten von dem Bremer Spekulanten und Aktienjongleur Hermann D. Krages als einer „Sumpfblüte des deutschen Kapitalismus“ gesprochen. Das, was wir bei Ford und in der US-Stinnes-Gruppe erlebten, ist aber auch keine reine Lilie ...

Die HV von Ford fand 48 Stunden nach einer Tagung des Bundesverbandes der deutschen Industrie, Arbeitskreis Pressefragen, statt, in deren Verlauf namhafte Vorstandsmitglieder deutscher Aktiengesellschaften, zahlreiche Public-Relations-Chefs und einige deutsche Wirtschaftsredakteure über die moderne Entwicklung der Publicity und über den Stil der Hauptversammlungen diskutierten. Die Ford-HV war genau das Gegenteil dessen, was nach Meinung aller Gesprächspartner jener Tagung dringend notwendig ist und was dem deutschen Aktienwesen und dem privaten Kapitalmarkt frommt. Reichelt