W. L., München

Mit der Freiheit Ungarns steht oder fällt die Freiheit in ganz Europa.“ So endete Weihbischof Dr. Johannes Neuhäusler seine Messe zu nächtlicher Stunde am Wochenende in München. Und während die Glocken vom Dom und vom Alten Peter über den Marienplatz schallten, zog eine unübersehbare Menschenmenge mit Transparenten und Fackeln schweigend durch die Straßen zum Rathaus. Dann wurde das Dröhnen der Glocken überstimmt. Tausende sangen das Lied: „O Haupt voll Blut und Wunden“. Langsam fielen die Schneeflocken.

Die Menschen auf dem Marienplatz hatten sich verlaufen. Es schneite immer noch. Unter dem Eingang zum Rathaus aber saßen fünf Männer. Ihre Mäntel waren völlig durchnäßt. In feuchten Strähnen hingen ihnen die Haare wirr ins Gesicht. Erst als die Scheinwerfer eines vorbeifahrenden Autos über die Gruppe huschten, sah ich ie. Ich trat hinzu, sprach sie an und fragte in ausdruckslose müde Gesichter hinein. Ich erhielt keine Antwort. Dann bot ich Zigaretten an. Ich reichte Feuer und wartete. Langsam stand einer von ihnen auf. Sein Deutsch verriet den Ausländer. Er sprach mit ungarischem Akzent. Er sprach nur wenig. Dann standen sie alle auf und entfernten sich mit schleppenden Schritten in Richtung Autobahn Nürnberg.

Es waren fünf Exil-Ungarn aus dem Bundesauffanglager Zirndorf bei Nürnberg gewesen. Sie hatten alles Hab und Gut vor Freude auf ihre Heimkehr verschenkt und waren per Anhalter nach Süden gefahren. In München hörten sie von dem neuerlichen Einmarsch der Russen in Ungarn. Jetzt mußten sie wieder umdrehen und weiterhin im Lager einer zukunftslosen Zukunft entgegensehen.